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bernd Offline





Beiträge: 12.474


03.11.2007 09:43
Das Kind ohne Namen von Maria Kohlschmidt Zitat · antworten


Kürzlich gab es im Fernsehen einen Film „Suchkind Nr…………?
Den Film habe ich gesehen und fand ihn sehr interessant.
Er erinnerte mich an meine Kinderzeit in den 50er Jahren, wo jeden Tag im Radio Suchmeldungen von vermissten Angehörigen durchgegeben wurden.
Der Krieg,Flucht und Vertreibung haben viele Familien auseinandergerissen.
Noch heute werden Menschen gesucht, die von 1945 bis heute als verschollen in der Statistik geführt werden.
Klaus Kohlschmidt – Suchkind 500 – war so einer, der 35 Jahre nach seiner Familie forschte.
Seine Frau schrieb darüber ein Buch und der Verleger war unser Partnerverleger Hellmut Schmidt.
Nach der Ausstrahlung des Spielfilms griff die Bild-Zeitung das Thema auf.
So kamen sie auch auf das Suchkind 500.
Die Bild-Zeitung rief beim Richmond-Verlag an und bat um Interview-Möglichkeiten mit der Autorin und ihrer Familie.
Ich habe hier das Buch, die Leseprobe und den Bildzeitungs-Ausschnitt eingestellt.
Wer Interesse hat? Es ist ein hochinteressantes Thema.


Textprobe 1
1. Kapitel

Auf der Suche nach meinem wahren Ich.

Dunkle Erinnerungen plagen meine Seele, lassen mir keine Ruhe, gehen mir nicht aus dem Sinn. Immer wieder grüble ich darüber nach.
Wer bin ich?
Wo ist mein Vater? Wo ist meine Schwester? Leben sie noch oder hat sie der grausame Krieg dahin gerafft?
Ich weiß es nicht, fühle mich noch heute nach so langer Zeit in manchen Nächten verloren und allein gelassen. Dann bin ich wieder der kleine Junge, der schutzlos über endlose Straßen, übersät mit wimmernden Verwundeten und Toten wankt.
Der dem Tod näher ist als dem Leben.
In solchen Nächten schrecke ich oft schweißgebadet aus unruhigem Schlaf auf und weiß im ersten Moment nicht, wo ich bin. Dann taste ich nach der Hand meiner Frau und bin wieder beruhigt.
Doch die Zweifel, die innere Unruhe verlassen mich nie. Werde ich jemals erfahren, wer ich wirklich bin, oder bin ich tatsächlich der, der ich jetzt schon seit 24 Jahre sein soll? Werde ich jemals meine richtige Familie finden, damit mein Gefühl ein Anderer zu sein, Bestätigung findet?
Oft spreche ich mit meiner Frau darüber, dass ich als kleines Kind von etwa vier Jahren in den Wirren des Krieges verloren ging, nachdem meine Mutter nach einer langen, qualvollen Krankheit verstarb.
Ganz alleine und schutzlos blieben meine Schwester Marianne und ich zurück. Niemand kümmerte sich um uns. So entschlossen wir uns, nach vielen durchweinten Nächten unseren Vater zu suchen. Wir machten uns auf den Weg.
Eines Tages wurden wir dann auf der Flucht vor den Russen aufgegriffen und in ein Heim gebracht.
Es war schrecklich!
Nicht nur, dass wir in getrennten Schlafräumen untergebracht wurden, nein, gleich in der ersten Nacht wurden wir während eines Bombenangriffs, als die Insassen des Heims evakuiert wurden, getrennt. Von nun an war ich ganz allein auf mich gestellt. War dem Leben auf den endlosen Straßen gegen Westen hilflos, hungrig und durstig ausgeliefert.
Heute als junger Mann, verheiratet, Vater von vier Kindern und auf dem Weg eine Existenz für meine Familie und mich aufzubauen, quält mich oft der Gedanke: „Was wäre wenn?“

Textprobe 2

Gestern war ich noch glücklich.
Doch schon heute liegt mein kleines, bis dahin so wohlbehütetes Leben als Scherbenhaufen vor mir. Über Nacht ist die Realität des Lebens über mich hinweg gerollt.
Gestern war ich noch ein glücklich lachendes Kind, dass voll Übermut über Wiesen und Felder tobte, durch den Wald sprang und heimlich die Rehe und Hirsche beobachtete.
Heute sieht alles anders aus.
Wir sind auf der Flucht vor den Russen...................................

Donnerndes Brausen der herniedergehenden Bomben verfolgen uns. Der Himmel ist blutrot gefärbt, grelle Blitze flammen auf.
Vor und hinter uns der Feind, dem wir kaum entkommen.
„Lauft Kinder, lauft um euer Leben!“, ruft Mutter ängstlich.
„Wenn wir dem Russen in die Hände fallen, ergeht es uns schlecht.“
So stolpern wir mehr als wir laufen panisch über schmale, holprige Wege. Immer weiter und weiter, bis wir nach einer endlos langen Zeit die Hauptstraße erreichen.
Jedes Mal, wenn unser Weg bergauf geht, schieben wir gemeinsam den vollbeladenen Wagen über die Anhöhe.
Schon bald haben wir kein Zeitgefühl mehr. Uns ist alles egal.
Als wir schließlich, nach endlos langer Zeit die Hauptstraße erreichen, geht das Chaos erst richtig los.

Textprobe 3
Plötzlich lässt uns ein ohrenbetäubender Krach erstarren. Vor uns explodiert eine Granate. Ein Planwagen mit samt den Zugpferd wird durch die Luft gewirbelt. Mutter duckt sich und drückt automatisch Marianne und mich fest an sich. Wir sind voller Blut, dunkelrote Spritzer bedecken unsere Gesichter. „Seid ihr verletzt, habt ihr was abbekommen?“, fragt uns Mutter und tastet uns ängstlich ab. Sie ist heilfroh, als sie merkt, dass uns nichts geschehen ist. Es ist kaum zu fassen, aber der Gaul hat unser Leben gerettet.
So gehen wir weiter und weiter, obwohl uns unsere Füße kaum noch tragen wollen, bis dass wir nach endlosen Tagen in Stettin ankommen.
Als wir unsere Wohnung erreichen, ist nichts vom Vater zu sehen.
Das Haus ist ausgebombt. Trotzdem werden wir mehr recht als schlecht darin wohnen.
Am Anfang ist ja noch alles gut. Doch schon bald merken meine Schwester und ich, dass unsere Mutter immer schwächer wird. Gemeinsam legen wir sie aufs Sofa und decken sie sorgsam zu. Dann überlegen wir, was wir machen können. Da in der Wohnung nichts mehr Essbares zu finden ist und unser Hunger immer schlimmer wird, beschließen wir, auf Nahrungssuche zu gehen. Manchmal finden wir einige Kartoffel oder mit sehr viel Glück ein altes Stück Brot oder auch einige Beeren. Die Kartoffeln sind zwar schrumplig und von Keimen übersät, aber was macht das schon. Gekocht schmecken sie so köstlich wie das beste Festmahl.
Eines Tages, wir sind wieder einmal auf Nahrungssuche, kommen wir an den Rand einer Böschung. Unten im Tal lagern Soldaten. Ich glaube es waren Russen.
Ein köstlicher Duft steigt zu uns empor, lässt unseren Magen rebellieren. Sein Knurren hörte man wohl bis hinunter ins Tal.
Eine Meute Soldaten sitzt fröhlich um ein loderndes Feuer und lässt sich ihre Mahlzeit schmecken. Ihr lustvolles Schmatzen hören wir bis rauf zu uns. Plötzlich schaut einer der Soldaten nach oben. Als er meine großen, begehrlichen Augen sieht, bekommt er Mitleid mit uns.
Laut ruft er uns etwas zu und gestikuliert dabei mit den Armen. Marianne wird es dabei Angst und Bange. Als wir begreifen, dass wir zu ihnen hinunter kommen sollen, schlottern uns vor Angst alle Glieder. Marianne will nicht mit hinuntergehen, sie fürchtet sich zu sehr. Trotzdem redete sie mir gut zu: „Du kannst ja hinuntergehen. Dir werden sie bestimmt nichts tun, lass dich nur ordentlich von ihnen füttern dann hat wenigstens einer von uns etwas davon.“
Also gehe ich schweren Herzens zu den Soldaten. Sie sind sehr lieb zu mir. So ein kleiner blondlockiger, blauäugiger Junge wie ich, gefällt ihnen sehr gut. Sie ermuntern mich, zu ihnen ans Feuer zu kommen. Einer nach dem anderen nimmt mich auf seinen Schoß und streichelt meine blonden Locken. Dann füllen sie mir einen Teller randvoll mit köstlich duftendem Erbsenbrei.
Wie köstlich der schmeckt.
Ich bekomme nicht genug davon. Mit Freude sehen die Soldaten zu, wie mein Teller sich in Sekundenschnelle leert. Mein kleiner Bauch wird kugelrund, nichts passt mehr hinein. Dann füllen sie noch einen Essnapf mit dem so wohlschmeckenden Erbsenbrei für meine Schwester. Sie gaben mir einen Klaps auf dem Po und schickten mich lachend nach oben.
Voller Freude gehen wir nach Hause, um mit Mutter das gute Essen zu teilen. Wir hoffen, dass sie dadurch wieder zu Kräften kommt und wir unseren Weg nach Westen fortsetzen können, um unseren Vater zu finden.
Zu Hause jedoch erwartet uns ein schrecklicher Anblick.
Mutter liegt still und bleich auf dem Sofa und rührt sich nicht mehr. Unser Verstand kann nicht begreifen, was mit ihr geschehen ist.
Ihr Körper ist so kalt. Die Angst übermannt uns.
„Hol ein paar Decken!“, sagt Marianne zu mir. „Schnell, beeil dich!“ Rasch laufe ich ins Schlafzimmer, nehme zwei Decken vom Bett und renne zurück in die Wohnküche.
Wir decken Mutter mit den Decken zu und hoffen, dass sie bald wieder erwacht. Aber es hilft nichts, ihr wird einfach nicht warm.
So legen wir alles was wir finden, vom Bettlaken bis hin zur Bekleidung über sie, in der Hoffnung ihr magerer, zarter Körper erwacht zu neuem Leben. Wir hoffen das sie wieder ihre lieben Augen aufschlägt und uns, wie sonst zärtlich mit der Hand über dem Kopf streicht, oder uns nur einfach anlächelt.
Aber all unsere Bemühungen zeigen keinen Erfolg.
Ihr Körper ist und bleibt kalt.
Laut weinend sage ich zu Marianne: „Mutter ist immer noch kalt, ich werde sie wärmen“, und lege mich zu ihr unter die Decken. Mein kleiner Körper versucht seine Wärme auf meine Mutter zu übertragen.
So vergehen die Tage.
Die Empfindung für Zeit und Raum ist uns verloren gegangen.









Vergiss nicht,Glück hängt nicht davon ab, wer du bist oder was du hast;
es hängt nur davon ab,was du denkst.

(Dale Carnegie 1888-1955,amerik.Rhetoriklehrer u. Unternehmensberater)

Peter Bochanan Offline

Professor/in

Beiträge: 777


03.11.2007 10:47
#2 RE: Das Kind ohne Namen von Maria Kohlschmidt Zitat · antworten

Wirklich sehr interessant und ergreifend Bernd, danke fürs Einstellen. Nicht nur durch Bomben,
Granaten und Gewehrfeuer ist viel Elend, Not und Leid entstanden. Ich freue mich immer wieder,
wenn Familien nach so langer Zeit wieder zusammenfinden.





Das geschriebene Wort ist das Tor zur unendlichen Freiheit der Gedanken

Peter Bochanan

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