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Dieses Thema hat 9 Antworten
und wurde 100 mal aufgerufen
 Bernd
bernd Online





Beiträge: 12.478


05.02.2012 09:49
Ein Tag im Januar 1945 Zitat · antworten

Die Katastrophe zeichnete sich ab. Berlin 1945!
Die Frau war 27 Jahre jung, lange schwarze Haare, schwanger im achten Monat.
Zum xtenmal musste sie in den Keller laufen um sich vor der mittlerweile andauernden Bombardierung zu schützen.
Angst? Wer hatte Angst?
Die Menschen lebten mit dem Tod. Sie rannten, kletterten über Trümmern, suchten Schutz zwischen qualmenden Steinen und Häusernischen, um zu überleben.
Diese junge Frau, die wieder einmal im Luftschutzkeller kauerte, betete still um ein schnelles Ende, so oder so.
Dumpf vernahm man im Keller die Detonationen der Bomben.
Das Schweigen der Menschen stand symbolisch für die Gewissheit um das Ende dieses Reiches. Ein Reich, ein Führer, ein Vaterland brach unter der Feuerlast in sich zusammen.
Es gab keine Durchhalteparolen mehr,
Als die Sirenen eine Pause der Bombardierung ankündigten, liefen die Menschen auf die Straße um sich das Ergebnis dieser unglaublichen Katastrophe anzusehen.
Tote Menschen, schwarz verbrannt, auf Zentimeter geschrumpft bepflasterten Straße und Plätze, verschmolzen mit Stein und Geröll.
„Drei in ene Wanne“ riefen die Berliner und legten die toten und verkohlten Körper in kleine Zinkwannen.
Sie kletterten über die heißen Reste ihrer Häuser und Wohnungen hinweg, um nach Überlebenden und Hausrat zu suchen.

Die junge schwangere Frau stand vor der Ruine ihres Elternhauses.
Sie klatschte in die Hände und rief: „Gott sei Dank! Nun muss ich mich nicht mehr um den Nachlass meines Vaters kümmern. Es ist nichts mehr da.“
Nachbarn legten die Arme um ihre Schulter und zogen sie behutsam aus dem Kreis des Zusammenbruchs.

„Lauf“ sagten sie „rette dein und das Leben deines Kindes. Lauf.“
„Meine Mutter“ antwortete die junge Frau „wo ist meine Mutter?“
Sie fand ihre Mutter, apathisch sitzend auf einem Stein.
„Komm Mama, lass uns gehen, Berlin ist verloren. Wir schließen uns dem Flüchtlingstreck gen Westen an.“

Beide Frauen versuchten sich zu orientieren, denn eines besaßen sie noch, ihr Leben!

Sie waren einige Tage unterwegs bis zu diesem ominösen 27.Januar.

Der Treck geriet ins Stocken, weil immer häufiger amerikanische Tiefflieger Angriffe auf Frauen und Kinder durchführten mit fatalen Ergebnissen.

Die junge Frau rannte um ihr Leben, hinauf auf den nächstbesten Hügel abseits des Flüchtlingstrecks. Ihre Mutter suchte Schutz hinter Bäumen.
Die junge werdende Mutter stand nun auf dem ungeschützten Hügel, als sie einen Tiefflieger auf sich zukommen sah.
Es gab für sie keine Rettung mehr, das wusste sie. So breitete sie ihre Arme aus und rief:
„Macht schnell, schießt, hier stehen wir, macht bitte schnell.“
Die junge Frau schloss nicht ihre Augen.
Sie wollte und konnte dem Piloten in das Gesicht sehen.

Zu ihrem Erstaunen sah sie, wie der Flieger kurz vor ihr seine Richtung änderte, auf den Treck zuflog, um diesen zu bombardieren.
Sie hatte überlebt und ihre Mutter hatte überlebt.
Und der amerikanische Flieger? Er sah wohl nur eine schwangere Frau, die bestimmt nicht kriegsentscheidend war.
Man schrieb das Datum 27.Januar 1945.

Hätte der Amerikaner anders reagiert, wäre ich heute nicht da und meine Mutter auch nicht.
Wir hätten wohl nichts vermisst, oder doch?
Meine Mutter wird 94 Jahre alt und ich 67!

© Bernd Rosarius am 27.Januar 2012



Jürgen Offline

Co-Administrator


Beiträge: 1.040


05.02.2012 10:09
#2 RE: Ein Tag im Januar 1945 Zitat · antworten

Hallo, Bernd, mein lieber Freund,
der wohl schrecklichste Abschnitt unserer Vergangenheit, der uns auch immer wieder einholt, ist hier von Dir real, nüchtern und absolut ausdrucksstark in all seiner "Grausamkeit" wiedergegeben worden. Eine wahre Geschichte des Überlebens und des Dankes an die Mutter, Deine Mutter. Schockierend und dennoch "herzbewegend".
Ich danke Dir, mein Freund.

Jürgen



holi Online

Treue Seele

Beiträge: 1.015


05.02.2012 12:13
#3 RE: Ein Tag im Januar 1945 Zitat · antworten

Eine wahre Geschichte, eine Geschichte die bewegt.

Danke Bernd, dass du uns daran teilhaben lässt.

Karin



Gabriella Offline

Webmaster/Administrator




Beiträge: 7.107


05.02.2012 13:30
#4 RE: Ein Tag im Januar 1945 Zitat · antworten

Hallo lieber Partner,

ich kann mich meinen Vorrednern nur anschliessen. Ausserordentlich bewegend und sehr nachdenklich machend. Ich selber habe dies Gottseidank nicht erlebt, aber immer läuft es mir kalt den Rücken hinunter und ich danke Gott, dass ich sowas nie erleben musste.

für Deine Geschichte, ich finde sie sehr gut geschrieben

lichst



Hifify Offline

Treue Seele

Beiträge: 5.298


05.02.2012 13:46
#5 RE: Ein Tag im Januar 1945 Zitat · antworten

Danke an den einsichtigen Piloten.

Deine Geschichte habe ich so oder in ähnlicher Form von Dir schon gelesen, aber ich könnte sie noch 100 mal lesen, sie würde mir immer wieder Gänsehaut bereiten.

Grüß Deine liebe Mama beim nächsten Telefonat mal ganz lieb von mir, ja?




Für den Optimisten ist das Leben kein Problem, sondern bereits die Lösung.
( Marcel Pagnol )

http://www.repage3.de/member/lizzytewordt





Eleonore Offline

Treue Seele

Beiträge: 2.611


05.02.2012 15:00
#6 RE: Ein Tag im Januar 1945 Zitat · antworten

Eine sehr bewegende Geschichte, lieber Bernd

Ich sitze hier und bin tief betroffen, diese Erzählung ist so wertvoll, weil man weiß, sie ist wahr.
Sehr schön von dir geschrieben, ohne Schnörkel und Verzierungen, genau richtig
Ich sehe Bilder, die nachhalten... und innehalten lassen!




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Was wir wissen, ist ein Tropfen,
was wir nicht wissen - ein Ozean.
(Sir Isaac Newton)

bernd Online





Beiträge: 12.478


05.02.2012 16:37
#7 RE: Ein Tag im Januar 1945 Zitat · antworten

Ihr Lieben

Danke für Eure netten Kommentare, über die mich sehr gefreut habe.


Die Geschichte habe ich erst am 27.Januar geschrieben. Sie ist neu!







Der Garten der Poesie präsentiert seine
Mitglieder am eigenen Stand auf der
Leipziger Buchmesse vom 15.bis 18. März 2012.
Wir freuen uns auf Ihren Besuch:
Stand-Nr.: C201 / Halle 3



Hifify Offline

Treue Seele

Beiträge: 5.298


05.02.2012 17:18
#8 RE: Ein Tag im Januar 1945 Zitat · antworten

Bernd,die Geschichte,dass Deine Mutter mit Dir hochschwanger war
und gesagt hat: Los, erschießt mich-die kenne ich aber.

Hast Du sie mal irgendwo erzählt beim Wort zum Sonntag ( Radio Neda ) oder als Gedicht oder
als irgendein Vorwort in einem Deiner Bücher? Vllt.hast Du sie uns auch persönlich erzählt.

Bitte um Antwort-ich kann mich doch nicht so vertun.




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bernd Online





Beiträge: 12.478


05.02.2012 19:02
#9 RE: Ein Tag im Januar 1945 Zitat · antworten

Lizzy erzählt habe ich sie bestimmt schon.
Aufgeschrieben war sie noch nicht.







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Walter Offline

Hausfreund/in

Beiträge: 322


12.02.2012 17:09
#10 RE: Ein Tag im Januar 1945 Zitat · antworten

Hallo lieber Bernd,
vielen Dank für das Bereitstellen deiner Geschichte.
Deiner Geschichte im direkten Sinne des Wortes.
Du schriebst, dass die Geschichte neu ist.
Ja neu und doch ist sie auch schon länger her als es dich hier auf Erden gibt.

Manchmal sagen Geschichten mehr als man selber weiß.

Viele herzliche Grüße sendet

Walter



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