Inmitten des kleinen Dorfes Wahlsdorf im Flämingwald steht ein uralter Steinbrunnen. Moos überwuchert seine Ränder, und das Wasser darin schimmert geheimnisvoll selbst an den dunklen Tagen. Die Leute im Dorf erzählen sich seit Jahrhunderten, dass in diesem Brunnen eine Fee wohne – eine gutmütige, unsichtbare Beschützerin. Doch niemand hatte sie je gesehen. Eines stillen Abends sitzt ein kleiner Junge vor dem Brunnen. Er heißt Maximilian, aber alle nennen ihn Max.. Er hat einen Buckel und krumme Beine, und die anderen Kinder lachen oft über ihn. Heute ist es wieder besonders schlimm gewesen, und nun sitzt er hier – allein, den Kopf in den Händen vergraben, während seine Tränen leise auf die alten Steine tropfen. Plötzlich beginnt das Wasser im Brunnen zu glitzern. Ein sanfter Wind weht über den Platz, obwohl kein Baum sich rührt. Und dann, wie aus einer Lichtspur geboren, erhebt sich eine wunderschöne Gestalt aus dem Wasser. Eine Frau mit einem Kleid aus fließender Seide, ihr Haar leuchtet wie Silber im Mondschein. „Maximilian“, spricht sie mit einer Stimme, die so warm klingt wie ein Sommerabend, „warum weinst du?“ Der Junge sieht erschrocken auf. „Wer… wer seid Ihr?“ Die Frau lächelt. „Ich bin die Fee des Brunnens. Ich wohne hier, seit sein Wasser entspringt. Und ich habe dich weinen hören.“ Sie legte ihre zarte Hand auf seine Schulter. „Ich möchte dich um etwas bitten.“ Max blinzelt verdutzt. „Mich? Aber niemand nimmt mich ernst.“ „Ich tue es“, antwortet die Fee. „Ich brauche deine Hilfe. Erfülle mir drei kleine Wünsche, und ich werde dir einen Herzenswunsch erfüllen.“ Max nickt sofort, ohne zu fragen. Es ist das erste Mal, dass jemand aufrichtig etwas von ihm will. Die Fee lächelt dankbar und erklärt ihm ihre Wünsche: Er solle eine Blume pflücken, die nur im Schatten wachse, einen Kieselstein finden, der rund wie der Mond ist, und einem einsamen Vogel am Waldrand Gesellschaft leisten. Max macht sich sofort auf den Weg. Obwohl seine Beine schmerzen, erfüllt er jeden Wunsch mit großer Hingabe – die seltene Schattenblume findet er hinter der alten Schmiede, den runden Kieselstein am Bach, und den scheuen Vogel begleitet er mit fröhlichem Summen, bis dieser ihm zutraulich auf die Schulter fliegt. Als Maximilian zum Brunnen zurückkehrt, wartet die Fee schon mit einem freundlichen, wohlwollendem Lächeln auf ihn. „Du hast deine Aufgaben mit reinem Herzen erfüllt“, sagt sie. „Nun darf ich dir etwas schenken.“ Sie hebt die Hände, und erneut beginnt das Brunnenwasser zu leuchten. Ein Strahl warmen Lichts umhüllt Maximilian. Sein gebeugter Rücken streckt sich zu einer stolzen, geraden Haltung. Seine Beine richten sich, kräftig und sicher. Und als das Licht langsam verlischt, steht dort nicht mehr der traurige, gebeugte Junge – sondern ein junger Mann, schön und frisch wie der Morgen, mit strahlenden Augen und einem Lächeln, das Mut und Güte zugleich ausdrückt. „Geh“, sagt die Fee. „Dein Leben wird sich ändern. Du wirst nicht nur gesehen, du wirst geliebt werden. Und wenn dein Herz rein bleibt, wirst du das schönste und reichste Mädchen des Dorfes heiraten – nicht weil du nun schön bist, sondern weil sie in deinem Innersten erkennt, wer du wirklich bist.“ Max will sich bedanken, doch die Fee ist bereits im Wasser verschwunden, so spurlos wie ein Traum. Und so geschieht es: Die Dorfbewohner staunen über den verwandelten Maximilian. Und wenige Monate später gewinnt er das Herz von Livia, der Tochter des reichsten Bauern – ein Mädchen, das gleichermaßen für ihre Schönheit und ihr gutes Herz bekannt ist. Gemeinsam leben sie glücklich und zufrieden, und Max vergisst zu keiner Stunde, wem er sein neues Leben verdankt. Oft geht er zum Brunnen hin, stellt frische Blumen an seinen Rand und spricht ein paar dankbare Worte in die Tiefe. Und manchmal, wenn das Licht richtig steht, meint er ein leises Lächeln im Schimmer des Wassers zu erkennen. Denn die Fee vom Brunnen zu Wahlsdorf wacht weiterhin über ihn – und über jeden, der den Brunnen mit reinem Herzen aufsucht und ihrer Hilfe bedarf.
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