Gestern Abend musste ich noch ein Medikament von der Apotheke holen.
Auf dem Weg dorthin sah ich einen älteren Mann, den ich nicht kannte, auf dem Mäuerchen eines Nachbarhauses sitzen. Er schaute zum Boden und wirkte auf mich irgendwie traurig. Auch als ich vorbeiging hob er nicht den Kopf sondern starrte nur verträumt auf das Trottoir.
Weiter ging es vorbei am Taxenstand. Hier kenne ich viele Fahrer, die dort häufig mit ihrer Droschke stehen. Sie tun mir irgendwie leid, denn ohne Nachfrage können sie nichts tun, als gespannt auf Fahrgäste zu warten. So bin ich bei Ihnen schon bekannt, dass ich zwar nicht sehr häufig mitfahre, aber sie zumindest kurz anspreche.
Einer der Fahrer, ich schätze ihn auf ca. 80 Jahre, winkte mir schon aus der Entfernung freundlich zu und kaum war ich bei ihm angekommen, teilte er mir mit, dass heute ein ganz schlechter Tag sei. Immerhin habe er eine Fahrt zum Flughafen bekommen, aber der von ihm gewählte Weg endete diesmal leider in einer neuen Baustelle.
"So ein Mist! Ich habe den Taxameter abgedreht, denn sonst hätte der Fahrgast fast doppelt so viel bezahlt und das möchte ich nicht!" erzählte er mir erregt. Als ich ihm dafür Lob aussprechen wollte, winkte er nur ab und sagte: "Das ist doch selbstverständlich - sonst bekomme ich hinterher nur Ärger und es war ja mein Fehler".
Im Weggehen wünschte ich ihm augenzwinkernd heute noch eine ganz weite Fahrt, "vielleicht nach Paris?" Doch schon hörte ich ihn wieder sprechen: "Nie wieder nach Paris!" Vor Jahrzehnten, "es war noch zu DM Zeiten", hätte ihm jemand diesen Wunsch genannt. Er habe den Preis genau ausgerechnet und ihm ein günstiges Angebot gemacht.
Anschließend durfte er erst noch die gesamte Familie mit zahlreichen Gepäckstücken aus dem Umfeld von Düsseldorf abholen, sodass seine Taxe mehr als voll war. Nach Paris habe ja alles bestens geklappt, aber da er ohne Fahrgast zurückfahren musste, sei ihm die Strecke doch sehr lang geworden. Mehrmals habe er sich im Auto ausruhen müssen und am nächsten Tag habe er gar nicht mehr fahren können, so fertig war er mit seinen Nerven.
"Dann also nicht noch einmal Paris, aber vielleicht nach Kölle oder nach Duisburg!", antwortete ich und ging meines Weges.
Auf dem Rückweg stand die Taxe meines Paris-Fahrers noch immer am gleichen Fleck, doch diesmal reichte ein kurzer Wink. Nun näherte ich mich wieder dem Herrn auf dem Mäuerchen ...
Noch immer saß er dort und wirkte auf mich geradezu apathisch. "Haben sie irgendein Problem? Kann ich ihnen vielleicht helfen?" frage ich ihn und beugte mich leicht nach vorne. Nun schnellte sein Kopf nach oben und der mir bisher unbekannte Herr begann zu lächeln. "Nein, mir geht es gut! Ich warte nur auf einen Bekannten, der mich hier abholen will!"
Ich freute mich, dass meine Annahme falsch war und verabschiedete mich freundlich und fröhlich. Im Weitergehen rief er mir noch nach: "Ganz herzlichen Dank, dass sie überhaupt nachgefragt haben. Wer tut so etwas heute noch."
Ich finde es auch schön, wenn man etwas Menschlichkeit zeigt - und ein paar Worte mit netten Menschen wechseln, das tut jedem von beiden sehr gut. Auch gerne gelesen...
deine Geschichte gefällt mir. Es ist schön, wenn nicht einfach weggeschaut wird, und man Interesse an anderen Menschen zeigt.
Beim Lesen deiner Geschichte mußte ich an ein Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach denken: „Wenn jeder dem anderen helfen wollte, wäre allen geholfen“.
Wenn ich dies lese, muss ich sagen, es gibt noch liebevolle Menschen, die dem Nächsten mit Respekt und Würde begegnen. So auch hier, lieber Rainer. Das gefällt mir.
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