#1 Wollen-können-leben von Monika 10.01.2021 11:43

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Wollen, können, leben


Anna schaut in den düsteren Morgen. In einen der unzähligen düsteren Tage dieses Winters, der keinen Schnee bringt, nicht mal eine weiße, kalte Sonne. „Wollen, können, leben - dazwischen spielt sich unser Dasein ab.“ denkt sie. „Im Moment lernen wir durch die Coronabeschränkungen, dass wir nicht können, wie wir wollen. Schon lange ist unser Leben beschnitten, unser Wollen einem höheren Ziel untergeordnet. Harte Maßnahmen, die keine Garantie versprechen. Niemals im Leben gibt es für irgendetwas eine Garantie!“ Anna berührt das Balkongeländer. Es ist kalt. Eiskalt, bedeckt mit Tropfen der Nacht. Sie spinnt den Gedankenfaden weiter: „Umso wichtiger ist es doch, wenn keine Notlage uns einschränkt, das zu tun, was man will. Was aber will man? Die meisten wollen vornehmlich anerkannt werden, Status erlangen, vielleicht sogar Macht.“

Anna erinnert sich: „Das fing schon in der Schule an. Alle trugen Wrangler Jeans, die genau dort kniffen, wo Frauen es am wenigsten gerne haben. Starr wie ein Brett waren die Dinger und man kam fast nur im Liegen hinein.“ Anna hatte sich damals dagegen entschieden. Wollte nicht. Sie trug weitere No-name-Jeans und genoss ihre beiden Frühstücksbrötchen vollen Zügen. Nein, sie sah es einfach nicht ein! Warum sollte sie sich kasteien, nur damit ein pickeliger, dürrbeiniger Halbwüchsiger sie ins Kino einlud? Nein! Manchmal trug sie gar eine Cordhose. Eine grüne! Die spöttischen Blicke ignorierte sie, denn die Wintermonate waren lausig kalt. Nicht so wie diese! Wollen, können, leben! So hatte sie es immer gehalten. War ihren eigenen Weg gegangen und hatte sich doch alle Träume erfüllt. Einen nach dem anderen. Pragmatisch, selbstständig und losgelöst vom gerade gängigen Gesellschaftskodex.

Heute ist Anna dreiundsechzig und schaut in den düsteren Morgen. Regentropfen baumeln an den nackten Zweigen. Ob sie fallen werden oder nicht, das ist nicht deren eigene Entscheidung. Nebel wabern am Boden, steigen auf, ziehen sich zusammen. Wie aus dem Nichts leuchtet ein Fahrtschild auf: 205 Mathildenhof. Nebelgespenster halten den Bus in ihren Fängen, er war vorher nicht zu sehen. „Wenn die Umstände so sind, dass man könnte, dann können wir vielleicht nicht mehr“, denkt Anna. Und sie lächelt. Zufrieden schlüpft sie in ihre braune Cordhose und ruft den Hund zum Spaziergang.

© Monika Schnitzler

#2 RE: Wollen-können-leben von Stiekel 10.01.2021 14:29

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Liebe Monika,

deine Geschichte zeigt Parallelen zu meinem Leben. Meine erste Jeans bekam ich mit 16 Jahren, aber keine Markenjeans. Dazu war mir das Geld zu schade. An meiner Hochzeit trug ich ein weißes Minikleid aus Trevira 2000, welches ich weiter anziehen konnte. Meine Schwestern rümpften darüber die Nase. Mir war das schnuppe. Meine Ehe hat das ausgehalten. Wir können ja noch vieles, auch mit Coronabeschränkungen. Lachen erlaubt, freuen erlaubt, lieben erlaubt, dankbar sein erlaubt...

Liebe Sonntagsgrüße von Sabine

#3 RE: Wollen-können-leben von Anneliese 10.01.2021 15:33

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Liebe Monika,

Zitat von Monika im Beitrag #1
Einen nach dem anderen. Pragmatisch, selbstständig und losgelöst vom gerade gängigen Gesellschaftskodex.


Auch ich habe mich nie danach gerichtet, was gerade in Mode war. Meine Mutter war Schneidermeisterin. Ich habe mir meine Kleider selbst entworfen und meine Mutter hat sie genäht. Als junge Frau habe ich mir die schönsten Kleider, Röcke und Abendkleider selber genäht. Mein Hochzeitskleid habe ich auch selbst entworfen. Auch heute noch, ziehe ich ein Kleid einer Hose vor.

Liebe Grüße von Anneliese

#4 RE: Wollen-können-leben von bernd 11.01.2021 10:04

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Ja Monika,

so unterschiedliche können Lebensentwürfe sein. Ob richtig oder falsch, auch ich war erpressbar. Meinem kleinen Sohn (heute ist er 45) hatte ich damals Turnschuhe kaufen wollen. Er hatte aber mit 12 Jahren seinen eigenen Geschmack. ADIDAS musste es sein. Auch eine Markenhose dazu. Als ich ihn darauf aufmerksam machte, dass es gleichwertige Artikel gibt, nur preiswerter, sagte er zu mir. "Ich mache mich in der Klasse nicht lächerlich. Dort ist nur ADIDAS angesagt!" Ich wollte den Jungen nicht auflaufen lassen und somit suchte ich nach ADIDAS.

Liebe Grüße
Bernd

#5 RE: Wollen-können-leben von Monika 11.01.2021 12:42

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Vielen Dank, ihr Lieben, für eure Geschichten dazu.

@ Ja, Bernd, da fängt das eben an mit dem Können und Wollen. Immer ist es ein Abwägungsprozess und wenn es um die Kinder geht, entscheidet man oft anders, um sie zu schützen.

@ Nähen konnte ich leider noch nie , da ist meine Begabung sehr minimal.

@ Lieben Dank, liebe Sabine, liebe Anneliese und lieber Bernd.

LG von Monika

#6 RE: Wollen-können-leben von Gabriella 11.01.2021 13:11

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Liebe Monika,

ich kann auch etwas beisteuern, vorausgesetzt Du willst es hören

Also ich lebe mein Leben ja schon seit Kindheit vollkommen anders, als jeder andere. Meine Mutter war Damen und Herrenschneiderin, all unsere Kleider hat sie selber gemacht (das meist in dreifacher Ausführung) Ich war die erste und einzige Frau hier damals, die Jeans trug (damals trugen Frauen keine Hosen) die hat mir meine Mutter geschneidert aus Stoff, den sie in der Kammgarnspinnerei kaufen konnte. Wir waren 3 Generationen, die in der grössten Textilfirma in der Schweiz gearbeitet haben. Mein Grossvater, meine Mutter und sehr viel später dann ich. Wir hatten sogar eine Ferienwohnung im Berneroberland, wo ich die 1 Frau war, die Fussball spielte. Viel später die erste Frau, welche Anzug trug (Jacke, Hose, Gilet), den hab ich heute noch, später hab ich dann noch einen selber gemacht, ganz in blau, im Röstitech. War das 13. Schuljahr (hab damals schon gearbeitet, nebenher) Handarbeit war da natürlich auch iggitt und (Kochen Haushalt) kann ich immer noch aus dem Effeff, obwohl man das in der Familie lange nicht glaubte.

Im Gegensatz zu Anneliese sieht/sah man mich nie wieder in einem Kleid, allerhöchstens, wenn es das im Theater, als Requisite brauchte.

#7 RE: Wollen-können-leben von Monika 12.01.2021 19:56

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Da hast du ja etwas ganz besonderes erlebt, liebe Gabi und es ist sehr interessant, eure Lebensentwürfe zu lesen. Denn darum ging es mir: Bei sich sein. Auch als Halt auf unwegsamen Wegen den einzigen, den richtigen für sich selbst herauszufinden. Das kann man bei dir sicherlich auch schon absehen nach deinen Schilderungen. Das war eigentlich die Aussage der Geschichte.
Vielen Dank, dass auch du mich hast an deinem Leben teilhaben lassen.

LG von Monika

#8 RE: Wollen-können-leben von Greta Hennen 12.01.2021 21:25

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Liebe Monika,

Deine Geschichte weckt auch in mir Erinnerungen und ich stelle fest, dass man erst im Alter zunehmend erkennt, was wirklich zählt im Leben. Ich habe die Hälfte meiner Kindheit bei Onkel und Tante Urlaub gemacht. Dort erlebte ich Zufriedenheit trotz bescheidener Lebensumstände. Die beiden hatten nicht viel, haben nie darüber geklagt. Das habe ich erst sehr spät erkannt und mir meine Tante und meinen Onkel zum Vorbild genommen. Sie leben schon lange nicht mehr. Ich denke immer noch an schöne Kindheitszeiten bei Ihnen. Ich vergleiche mich immer mit denen, die sich nicht so glücklich schätzen dürfen, wie ich und bin sehr dankbar, dass ich so leben darf.

Liebe Grüße
Greta

#9 RE: Wollen-können-leben von Monika 13.01.2021 22:55

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Da haben wir ja viel gemeinsam, liebe Greta. Meine Kindheit war zwar nicht bei meiner Tante, sondern bei Oma auf dem Hof und arm waren wir auch. Ich denke, das hilft zu einem gewissen Selbstbewusstsein und Bescheidenheit, auch, wenn man sich im Leben Werte schafft. Man vergisst seine Wurzeln nicht und das ist gut so! Danke für deine Zeilen und fürs Top!

LG von Monika

#10 RE: Wollen-können-leben von Josie 14.01.2021 19:10

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Liebe Monika,

zu Ostern bekamen wir immer ein Kleid geschneidert von einer Schneiderin. Das blieb mir in freudiger Erinnerung. Von einem Paten Onkel (Osterbrauch in der Heimat) bekam ich ein Kleid. Ich liebte es so sehr das meine Mutter es mir anstrickte damit die Arme nicht zu kurz waren. Der Saum wurde rausgelassen und voller Dankbarkeit und Liebe trug ich es bis ich es wahrlich nicht mehr anziehen konnte. In meinem Arbeitsleben zog ich Hosen an da ich mich freier Bewegen konnte. Jedoch Sonntags ziehe ich heute noch gerne Kleider an, um diesem Tag eine Ehre zu geben.

Liebe Grüße Petra-Josie

#11 RE: Wollen-können-leben von Monika 15.01.2021 20:47

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Lieben Dank, liebe Josie, ich denke, dass Kleider auch sehr gut zu dir passen. Und jeder hat ja so sein Lieblinghstück.

LG von Monika