Nikotinvergilbte Raufasertapete, ein Stuhl, Ein Mann, hummerrotes, aufgedunsenes Gesicht, stumpfsinniger, ausdrücksloser Blick. Siegezeichnet von den Lähmungen der Leere, dem Schatten der Schwermut und des Schweigens, steht abgewandt hinter ihm. Es gab keinen "Tee" gegen das Nichts. Leon und das Schweigen hatten sich verbündet. "Geh!" hört sie sich mit rauer Stimme sagen, "ich ertrage deine körperliche Hülle nicht mehr!"
Die Antwort - lautes Rülpsen, untermalt von einer müden Handbewegung, die die Bierflasche zu Boden fallen lässt. Splitterndes Glas verteilt sich in einer urinfarbenen Lache auf dem schwarzweißen Kachelboden der neonhellen Küche. Sein Körper folgt dem kraftlos herunterhängendem Arm in Richtung Sumpf, erstarrt in Schräglage, erinnert an eine batteriebetriebene Puppe, deren Akku leer ist. Sein stossweiser Atem vermischt schale Alkoholwolken mit beißendem Schweißgeruch.
Sie schlurft mit schweren, langsamen Schritten, als bewege sie sich auf Glatteis, zum Fenster. Schemenhaft verschwommene Leuchtreklamen versuchen mit ihren bunten Farben durch die blinden Scheiben zu ihrer Tristess vorzudringen. Zaghaft öffnet sie einen Fensterflügel. Ein eiskalter Windstoß weht Regentropfen in ihr kalkweißes Gesicht. Hinter ihr, in der anderen Welt, ein Poltern. - Leon hat den Weg zu den Scherben am Boden gefunden. Den Mund weit geöffnet, mit starrem Blick und unnatürlich abgespreizten Armen und Beinen liegt er dort, totale Ergebenheit offenbarend. -
Sie öffnet den zweiten Fensterflügel; der Regen vermischt sich mit ihren Tränen.
Liebe Lizzy, das war von mir mal ein Versuch einen Einakter zu schreiben. Ist zwar alles andere als poetisch...aber leider in unserer Zeit sehr oft realistisch und sollte zum nachdenken anregen. Danke für deine anerkennenden Worte! Gerhild
Hallo liebe Gerhild, vielen Dank für das Bereitstellen deiner Geschichte. Sehr gelungen. Ich mag Geschichten, wo etwas wie in einem Schnappschuss zum leuchten kommt, aber nicht herauszulesen ist, warum es zu solch einem Zustand kam.
Viele herzliche Grüße aus der Provinz Lippe sendet
Lieber Walter, genau damit will ich die Fantasie des Lesers anregen. Weder Vorgeschichte noch das Ende sollen offen bleiben. Freut mich, dass du es als lesenswert betrachtet hast. Danke! Mit lieben Grüßen Gerhild
deine Episode einer wahrscheinlich längst zu einer Alltagssituation gewordenen Beziehung ist wahrlich sehr bedrückend und sehr gut geschrieben. Die Aussichtlosigkeit auf ein normales, wieder zu einem lebenswerten Miteinander geführtes Leben, kommt sehr gut herüber. SIE hilflos und ausgelaugt von der Gleichgültigkeit und ER abgestumpft in seinem ganzen Wesen...
... und ja, du hast mit Sicherheit Recht, wenn man hinter manche Fassade sehen könnte, wäre man sehr wahrscheinlich mundtot und ein trauriges Kopfschütteln würde sich bei uns einstellen.
Nun Poesie ist hingegen sehr vielfältig und zeigt auch diese Seiten und das ist gut so. Danke für deine berührende Geschichte, die für viele Menschen hoffentlich wirklich 'nur eine Geschichte' ist.
Lieben Gruß an dich
Monika
www.hoeschstpersoenlich.de (bitte Bild anklicken)
"Jeder sieht, was du scheinst. Nur wenige fühlen, wie du bist!"
Liebe Moni, danke, dass du dir so viel Zeit zum Lesen genommen hast. Ich wollte mit dieser Geschichte einfach mal etwas wagen und eben - wie du es erkannt hast - die andere Seiten der Poesie - die leider vielen Menschen lebensnah ist, zeigen. Vielleicht wollte ich auch damit mehr Aufmerksamkeit für die Menschen erreichen, die solchen Schattenseiten des Lebens ausgeliefert sind. Wenn wir uns in ihre Situation versetzen, werden wir nicht mehr über das Wetter und andere hinzunehmende Unzulänglichkeiten klagen.
sehr, sehr realitätsnah geschrieben, nichts beschönigt - das gefällt, weil es diese Wirklichkeit gibt hinter den Fassaden. Ich möchte weder in ihrer noch in seiner Haut stecken. Wie so etwas wieder heil und normal werden soll bzw. kann, grenzt schon an Wunder.
Lieber Martin, diese Menschenseelen werden zeitlebens nicht mehr richtig heilen können. Die Narben sind zu tief! Schlimm finde ich, dass unsere Zeit mehr und mehr solche Schicksale "produziert" . Viele dieser Auslöser könnten vermieden werden...... Mit sehr lieben Grüßen danke ich Dir für Deine einfühlsamen Worte. Gerhild