Sie bewegten sich schwebend in eine Richtung. Einige standen, weil sie sich nicht auf einen der wenigen freien Plätze quetschen wollten, oder das Platz nehmen nicht lohnte. Die Melodiephrase eines Telefons forderte für einen Moment Beachtung. Refrain-artig sagte die Frau etwas in das Telefon, dann verschmolz ihr gleichförmiges Murmeln mit den Hintergrundgeräuschen wieder zu einer Einheit. Schmutzpartikel von Autos, Heizungen und anderem hatten sich an Wänden und Ecken abgesetzt. Der dunkle Winterhimmel und die Häuser der Stadt zogen vorbei. Reklamezüge und Neonlichter der Gebäude verbanden sich mit den Spiegelungen der Innenbeleuchtung zu einem flackernden Film auf den Waggonfenstern. Geräusche von Motoren und Bremsen bildeten die passenden Töne. Die linienförmig verlaufende Strecke war nur wenige Stationen lang und die Stadt spülte die Menschen wie in einer künstlichen Tide von Ebbe und Flut hin und her. Das angenehme Schaukeln und Wiegen kam daher, dass die Waggons keinen direkten Bodenkontakt hatten. Aber ein Blick aus dem Fenster führte ihm sofort vor Augen, dass dieses unter enormen Aufwand erkauft worden war. Nötig war ein mächtiges metallenes Geflecht von Pfeilern und Streben. Diese Arabesken um unsichtbare Kraftlinien waren Ausdruck einer Kraft und machten das ganze zu etwas Besonderem. Er folgte einige Minuten diesen Kraftlinien bis in den dunklen Nachthimmel. Seine Gedanken zerfielen, lösten sich auf in einem Rauschen. Es gibt ein Rauschen, welches die Physiker Hintergrundrauschen nennen. Er dachte für einen Augenblick, dass die Geräusche in diesem Waggon eine Art Hintergrundrauschen bildeten, ein Hintergrundrauschen dieser Stadt, dieser Gesellschaft, kein Rauschen der Natur, kein Rauschen der Physik, sondern ein Rauschen von einer Art Müdigkeit, nicht von angenehmer Müdigkeit nach getaner Arbeit, eher das einer Resignation. Ein allgemeines Rauschen des Sich-damit-abgefunden-Habens und ein Rauschen des Lasst-mich-in-Ruhe. Diese Wellen durchströmten ihn. Es entfuhr ihm ein Ächzen. Er versuchte diese innere Durchströmung zu unterbrechen, abzuschalten. Jemand sagte, er solle dieses Ächzen unterlassen er fühle sich gestört. Die Sätze die nun stakkatoartig aus ihm rausbrachen zerschnitten das Rauschen wie mit scharfen, schwarzen Schnitten. Die Menschen saßen für Momente schutzlos und bloß da und das Rauschen war für einige Momente verschwunden bis die inneren Schutzschilde aktiviert waren und die Menschen ihre Abwehrmaske aufgesetzt hatten. Manche schossen ein paar Sätze in seine Richtung um die Störungsquelle abzustellen. Aber er legte mit weiteren schneidenden Sätzen nach. Durch die Deckenlautsprecher hallten die Ruherufe der Zugführers. Einige Jugendliche kamen durch die Störung heran und erfreuten sich an dem Durchbrechen der Eintönigkeit. Vielleicht froh darüber ihren Freunden etwas erzählen zu können, etwas, was anders war, als das übliche Dahinströmen. Ein Mann rief von hinten: „Aber recht hat er!“ Dieses war aber kaum zu hören.
2. Abteil
Er blickte nach vorne auf die nächsten Sitzplätze. Eine Glasscheibe in Breite der Sitze bildete eine Trennung zum nächsten Abteil. Sein Gesicht spiegelte sich etwas in der Scheibe und überlagerte sich mit dem Gesicht des auf der anderen Seite sitzenden Jungen. Oft ist es schwer zu sagen, welche Ereignisse welche Spuren hinterlassen. Ob man sein Leben von diesem allgemeinen Strom durchströmen lassen will, ob man überhaupt anders kann. Dieser Vorfall, dieser Schwebezustand wurde wahrscheinlich von den meisten nicht als solcher angesehen. Vielleicht taucht er nicht einmal in der Erinnerung auf. Er löste sich von seinem Platz und ging in das andere Abteil hinüber, um einen Blick durch die Glasscheibe zurück zu werfen. Auf der anderen Seite blieb er stehen und er fragte sich, ob er für den Rest seines Lebens in so einer Tide hin und hergespült werden möchte.
Hallo liebe Lizzy, vielen Dank für deinen Kommentar. Die Geschichte ist nach einem Besuch der Sisley-Ausstellung in Wuppertal entstanden. Anschließend war ich noch mit der Schwebebahn gefahren. Die Bilder von Alfred Sisley haben mich übrigends stark beeindruckt.
Hallo, Walter, lieber Freund, eine tolle und fantastisch geschriebene Geschichte, vielen Dank dafür. Wie ich dich kenne, hast Du noch mehr solcher Geschichten, die Du ja immer erst gerne eine Weile in der Schublade liegen läßt. Auch die würde ich gern lesen, Du schreibst großartig !!!
Hallo lieber Jürgen, vielen Dank für deinen lobenden Kommentar. So viel in der Schublade habe ich allerdings nicht. Manches fängt vielversprechend an, wandert aber dann doch in die Papiertonne. Schau demnächst bei euch wieder rein. Mal hören, was deine Musikaufnahmen so machen.
Hallo liebe Camaela, vielen Dank fürs Lesen und für deinen aufbauenden Kommentar. Bis vor zwei Jahren hatte ich noch keinen eigenen Text geschrieben. Das Kurzgeschichtenschreiben ist für mich zu einer Bereicherung geworden.
Hallo lieber Harry, auch dir vielen Dank für deinen Kommentar. Möglicherweise sind meine Texte zu verkopft. Aber ich glaube, dass ich dies schwer rausbekomme. Versuche es aber immer in Balance zu halten.
Viele herzliche Grüße in den warmen Süden und in den kühlen Norden