Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 

Banner by Helmuth Winkelhahn

Kalenderblatt der Woche Kalenderblatt von Mitgliedern unseres Forums



Wichtige Mitteilungen/Ankündigungen/Veranstaltungen






Weisheiten/Sprüche von unseren Mitgliedern



Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 9 Antworten
und wurde 316 mal aufgerufen
Umfrage: Wie lautet die Geschichte des Jahres 2011
Bisher wurden 9 Stimmen zur Umfrage "Wie lautet die Geschichte des Jahres 2011" abgegeben.
 AntwortenAbgegebene StimmenGrafische Auswertung
1. Februar 2
22,2%
2. März 0
0%
3. April 0
0%
4. Mai 1
11,1%
5. Juni 0
0%
6. Juli 1
11,1%
7. August 0
0%
8. September 0
0%
9. Oktober 5
55,6%
10. November 0
0%
11. Dezember 0
0%
Sie haben nicht die benötigten Rechte um an der Umfrage teilzunehmen.
Die Umfrage ist beendet.
 
bernd Online





Beiträge: 12.478


14.01.2012 22:15
Die Geschichte des Jahres 2011 Zitat · antworten



Das Jahr 2011 ist Geschichte!
11 x wählten wir die Geschichte des Monats.
Der Januar war noch Pause - nicht berücksichtigt.
Nun aber möchte ich aufrufen, mit Euch gemeinsam die Geschichte des Jahres zu wählen.
Bis Ende des Monats soll das Wahllokal hier geöffnet sein.
Ich würde mich freuen, wenn möglichst viele Members abstimmen würden.




1. Die Geschichte des Monats Januar
Ausgefallen

2. Die Geschichte des Monats Februar 2011
Lizzy Tewordt

Besser als genau so wie....


Seit einiger Zeit stelle ich fest, dass ich mein Gegenüber bei Gesprächen verstärkt grammatikalisch korrigiere.
Ich sage es nicht laut, aber es ist in meinem Kopf. Dann fühle ich mich zwar ein wenig wie ein Klugscheißer, aber außer mir weiss ja Niemand davon.

„ Ich rufe nochmal wegen dem Auto an „…
Wegen des Autos, hämmert es in mir. Das muss man doch hören, dass das völlig falsch klingt.
Aber ich spreche es nicht aus und fühle mich einfach nur in diesem Moment überlegen.

Oder, auch ganz fatal: „ Das war das Einzigste, was ich finden konnte.“
Das Einzige, Mädel, das Einzige. Einzig kann man nicht steigern. Nie in der Schule gewesen, Du Opfer?
Eine Mischung aus Stolz einerseits und innerlicher Arroganz andererseits überfällt mich.

Und, was auch so gar nicht geht: Sie ist hübscher wie ich.
Als ich, schreit es in mir. Sie ist hübscher als ich. Wie grauenvoll. Ich beisse mir auf die Lippen. Nein, du wirst sie jetzt nicht verbessern,flüstert meine innere Stimme mir zu.

Ist wohl alles wegen dem Buch ( Dativ-Genitiv und so ) und scheinbar bin ich ja wohl wirklich die Einzigste, die das besser kann wie die Anderen.
Ne?


3. Die Geschichte des Monats März 2011
Leonie Lucas

Das erste Glas - Lebensmut


„‘Es ist doch ganz einfach mit dem Saufen aufzuhören. ‘ Jakob hatte sich mit jenem überheblich- überlegenden Gesichtsausdruck, der mich schon bei unserer ersten Begegnung sehr gestört hatte, in seinem Ledersessel zurückgelehnt - die fleischigen Hände auf dem Bauch gefaltet. ‚Du musst nur das erste Glas stehen lassen!‘Ich hatte ihn angestarrt. Wortlos. Sprachlos. Dann war ich einfach gegangen und nie wieder in jenes Büro von “Rettungsanker“ zurückgekehrt, einer Organisation die Suchtkranke unterstützt wieder lebenstüchtig und –froh zu werden. Dennoch waren es eben diese, Jakobs Worte, die mich dazu brachten, mich aufzumachen die Sucht zu besiegen. Es ist mir gelungen, wenn ich auch noch viele erste, zweite und auch sechste und siebte Gläser trinken musste, bevor das Glas vor dem nächsten einfach nur das letzte Glas wurde.
“Sophia, meine Nachbarin, die mir auch eine gute Freundin ist, streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht mit ihren gepflegten schlanken Fingern, die gut einer Pianistin gehören könnten. Ihre Augen funkeln, senden mir Wärme bis ins Herz und blicken, so scheint es mir jedes Mal wenn wir uns sehen, bis tief in meine Seele. Etwas unsicher spiele ich an meinem Ring. Auch habe mich gerade auf den Weg gemacht, etwas hinter mir zulassen, das mir nicht gut tut doch immer wieder betrete ich jenen, mir so vertrauten Pfad, des Leidens, zu ängstlich ihn dauerhaft für noch unbekanntes Glück zu verlassen.„Weißt du, Miriam“, sie steht von der alten Küchenbank auf, holt zwei Gläser aus der Anrichte, eine Flasche aus dem Kühlschrank und stellt beides auf den Tisch. „die Sache mit dem ‚ersten Glas, das man stehen lässt, ‘ ist symbolisch. Symbolisch für alles, was man ändern will. Gilt auch für das Verlassen und Anzeigen von prügelnden Ehemännern.“ Sie setzt sich wieder und greift nach meiner Hand. „Komm, erzähl. Hast DU dich auch auf den Weg gemacht? Wann bekommt Zlatko endlich seine verdiente Strafe, für das, was er dir immer antut? “
„ Ja, ich bin unterwegs. Unterwegs in ein neues Leben ohne ihn.“ Ich drücke ihre Hand. „ Das Fass ist übergelaufen. Ich will nicht mehr leiden. Ich habe einen Schlussstrich gezogen unter alles endgültig.“ Ich schweige und lasse die letzten Ereignisse vor meinem inneren Auge Revue passieren.
„‘Stell dich nicht so an, Du Schlampe!‘ wie schon so oft hatte Zlatko mich geschlagen, mir ins Gesicht gespuckt, mich aufs Bettgedrückt und vergewaltigt. Wie immer hatte er sich auf meine Hände gekniet um jegliche Gegenwehr zu verhindern. Wie immer hatte ich alles über mich ergehen lassen um dann wenige Wochen später zu ihm zu sagen:
‚Zlatko, ich bin schwanger. ‘
‚Na, dann lass es wegmachen. Guck dich doch mal an, wie ein Zombie siehst du aus, wie eine asoziale Pennerin. Du blamierst mich ja jetzt schon in der Öffentlichkeit. Wie soll das denn werden, wenn du dazu auch noch fett wirst? ‘
‚ Ja, aber…‘
Er ließ sich durch nichts erweichen, weigerte sich, ohne allerdings, sexuell von mir abzulassen, auch nur ein einziges vernünftiges Wort mit mir zu reden, bis ich endlich in eine Abtreibung einwilligte. Und so stand ich vor zwei Tagen vor jener Klinik. Alles schien mir plötzlich so viel farbiger, strahlender. Die Blumen dufteten mir intensiver als je zuvor, die Stimmen der Menschen, ins besondere die, der Kinder, die mir auf dem Weg begegneten waren mir die schönste Musik. Und dennoch fühlte ich mich ausgeschlossen, war wie gefangen unter einer Glasglocke, die mir alles zeigte, aber mich an nichts teilhaben ließ.
‚Frau S., ich gebe Ihnen jetzt die Pille die einen Abort einleitet und ich rufe sie dann auf, wenn alles für den eigentlichen Eingriff bereit ist.‘
Die Stimme der Schwester klang sie ein Messer, das durch Metall schneidet. Sie klang noch härter, als sie wenige Minuten später wieder kam um mir mitzuteilen, dass sich alles aufgrund eines Notfalles verzögern würde. So setzte ich mich also ins Wartezimmer, blätterte in Hochglanzmagazinen, bis ich einen Druck im Unterleib spürte. Was auf der Toilette passierter veränderte alles, öffnete mir die Augen über Zlatko, mich, unser Leben, ließ mich in einen bodenlosen Abgrund stürzen, aus dem ich, mich unbedingt retten wollte. Denn, was ich für eine Regung des Darmes gehalten hatte, war die Wirkung der unsäglichen Pille: In der Kloschüssel lag es, mein knapp Daumengroßes, noch beinahe formloses Kind.
‚Sie brauchen den Eingriff nicht mehr durchführen, ‘ sagte ich der Schwester, ‘ mein Kind liegt in der Toilette. ‘
Natürlich wurde der Eingriff, dennoch gemacht. Natürlich durfte ich das Kind, da es noch zu jung war um als Mensch zu gelten, nicht beerdigen. Es wurde entsorgt. Natürlich, war Zlatko alles egal, Hauptsache ich stand wieder zur Verfügung um seine Bedürfnisse zu befriedigen,
Doch ich wollte das nicht mehr. Ich wollte, dass mein Kind nicht umsonst gestorben war. Denn barg sein Tod nicht einen Weg, damit ich leben konnte?
‚Miriam?‘ Sophias sanfte Stimme, holen mich ins Hier und Jetzt zurück. Sie schenkt mir eine rote Flüssigkeit, die in dem Kristallglas geheimnisvoll glitzert ein. ‚Bist du endlich bereit ihn anzuzeigen? ‘
Nach einem Moment des Zögerns, schüttele ich den Kopf, greife in die Tasche meiner Strickjacke und gebe ihr das in Küchenpapier gewickelte Etwas, das dort schon die ganze Zweit heraus lugte. ‚Ich glaube eher, dass ich diejenige bin, die sich vor der Polizei verantworten muss. ‘
Sophia schaute auf das noch blutige Messer, dass sie aus dem ebenfalls blutfleckigen Papier ausgepackt hatte.
‘Oh, oh ich… das ist nicht die Lösung, für das stehen lassen deines ersten Glases wie ich sie mir vorgestellt hatte. Doch wenn ich mir dich zu anschaue: dir rotgeschrubbten Hände, die Flecken auf Jacke, Bluse, Hose und sogar den Schuhen...“ sie schluckt, ohne zu versuchen die Tränen die ihr die faltigen Wangen hinunterlaufen zu verbergen. ‚ Ist er tot? ‘
‚ Ja. Ich glaube. Ich hoffe. Ich weiß es nicht. Es ist mir völlig gleich. Ich habe ihn erwischt. Heute, zwei Tage nach dem Tod seines Babies, mit einer anderen. Ich bin durchgedreht und in die Küche gerannt. Er hat sie weggeschickt und dann… Dann kam er zu mir... wollte. wollte mich nehmen auf dem Küchentisch. und da.. das Messer… Ich…‘ Ich beginne hemmungslos zu schluchzen. Sophia stellt sich hinter mich, drückt mich an ihren üppigen Busen, und mir das Glas in die Hand.
‚Trink, Liebchen! Es ist ein Saft aus Beeren und anderen Früchten, ein Geheimrezept meiner Großmutter. Sie nannte ihn immer „ flüssigen Lebensmut“. Wir, Miriam, du und ich, wir schaffen alles was nun vor dir- vor uns- liegt. ‘ Sie griff zum Telefon, wählte 112 und während sie ruhig mit dem Beamten am anderen Ende der Leitung sprach, trank ich zum aller ersten Mal in meinem Leben ein Glas „Lebensmut“.

4. Die Geschichte des Monats April 2011
Frank Laser

Vom Barpianisten


Schon seit mehr als dreißig Jahren sitzt er hier am Klavier des Hamburger Hotel Atlantic.Abend für Abend spielt er für seine Gäste,die auf kleinen Lederhockern um seinen Flügel sitzen oder in den kleinen Nischen der Bar gebannt seinen Klängen,bei edlen Tropfen lauschen.Ab und zu , und vor allem dann zu fortgeschrittener Stunde,werden die mittlerweile berauschten Gäste immer spendabler,einerseits weil sie seine Musik bewundern,anderseits weil sie nicht mehr gerne alleine trinken wollen,zudem macht sie der steigende Alkoholkonsum,mehr und mehr sensibel.Früher in jungen Jahren hat es,dem mittlerweile stark ergrauten Klavierspieler,dessen faltiges Gesicht von vielen langen Nächten zeugt ,nichts ausgemacht,doch mittlerweile fällt ihm auch das Trinken schwerer,das aber auch anderseits den Schmerz im Rücken und die Übermüdung lindert.Eigentlich hatte er als junger Mann,nachdem er sein Musikstudium abgeschlossen hatte,ganz andere Pläne gehabt,wollte in den größten, ausverkauften Konzerthallen auf der Welt spielen, sein Talent wäre etwas Besonderes wurde ihm ständig von seinen Professoren gesagt,doch es sollte ganz anders kommen.
Während seines Studiums verdiente
er sich sein Geld als Klavierspieler in kleinen namenlosen Bars,denn seine Eltern die aus „nur“ gut bürgerlichen Verhältnissen kamen konnten ihm finanziell keine Unterstützung geben.
So kam es dann,das er irgendwann ,kurz nach Abschluss seine Studiums,wartend auf die Beantwortung seiner Bewerbung am Londener Symphonieorchester,Gertrud kennenlernte.Sie kellnerte in einer der namenslosen Bars und vezauberte ihn vom ersten Moment,er war völlig wehrlos ,Schlaf wurde für ihn ein Fremdwort,Tag und Nacht dachte er an sie.Eines Feierabends dann ,nachdem alle Gäste gegangen waren spielte er nur für sie ,sie saß direkt ganz nah bei ihm und fing irgendwann an zu singen,wunderschön,so etwas hatte er noch nie vernommen,diese Stimme verzauberte ihn.Irgendwann haben sie sich dann geküsst und ihm wurde klar das er dieses Gefühl nie wieder missen wollte.Wenige Wochen darauf bekam er eine Zusage vom Londoner Symphonieorchester und von Gertrud mitgeteilt das sie schwanger war.Nach Londongemeinsam ziehen konnten sie nicht da Gertrud ihre pflegebedürftigen Eltern nie alleine gelassen hätte.
So heirateten sie kurze Zeit später,ohne jegliche Trauer in sich sagte er die Anstellung am Londoner Symphonieorchester ab und hat es bis Heute nicht bereut.

Sechs Kinder hatten sie in die Welt gesetzt ,alle waren Heute erwachsen,doch der gute Kontakt zu ihnen war nicht erloschen.
Mittlerweile ist es schon wieder zwei Uhr .Wie jeden Abend schon seit dreißig Jahren,steht sie da die schönste Frau der Welt,seine Frau Gertrud ,um ihn nach Hause zu holen.Sie lächelt ihn an......
und eine kleine Träne des Glücks läuft langsam aus seinem müden Auge.

5. Die Geschichte des Monats Mai 2011
anngnybek

Altes Haus


Es ist schon Jahrzehnte her, dass sie ihre Behausung bezog. Anfangs war es ungewohnt – ein bisschen klein, doch nach und nach wurde ausgebaut und alles bekam seine ungefähr endgültige Form. Sie fühlte sich trotzdem nie so ganz heimisch. Mit Vielem hatte sie sich arrangiert – die ungeraden Wände und die nicht gewollte Asymmetrie der Räume. Nun ja, es war schon ihr Zuhause, doch …irgendwie… na, man darf auch nicht ständig unzufrieden sein – es gab durchaus schlechtere Unterkünfte. Sie gewöhnte sich in all den Jahren ein und ein Umzug kam keinesfalls in Frage. Unschöne Ecken versuchte sie mit viel Hingabe durch Dekorationen zu kaschieren. Aber nach und nach machte sich bemerkbar, dass die Bausubstanz anscheinend von minderer Qualität war… Vielleicht lag es auch daran, dass dieses Haus schon viele Erschütterungen miterlebte… Im oberen Stockwerk begann es und allmählich zog es sich durchs ganze Gebäude. Zunächst fast unbemerkt, doch in den letzten Jahren sah man es schon sehr deutlich, dass kein Handwerker wieder gut machen konnte, was an Schaden entstanden war. Es knackte überall im Gebälk, manchmal fürchtete sie, dass der Dachstuhl einbricht. Auch die tragenden Streben ächzten und stöhnten auf - nicht nur, wenn es wieder einmal stürmte… zudem quollen sie an verschiedenen Stellen unförmig auf. Die Fenster wurden schon nach recht kurzer Zeit milchig, inzwischen konnte man nur noch mit großer Anstrengung durch die fast blinden Scheiben sehen, egal wie sehr sie sie putzte. Und die Flügel ließen sich auch nicht mehr so leicht öffnen – obwohl sie die Scharniere jahrelang regelmäßig geölt hatte. Der Putz fing an zu bröckeln… Doch alles wäre nur halb so schlimm, wenn es bei diesen Defiziten geblieben wäre, - wenn nicht durch den zu Rate gezogenen Schätzer die wirklichen Mängel entdeckt worden wären… Verschiedene Leitungen waren irreparabel defekt und durch einige Wände hatte sich irgendeine ätzende Substanz hindurch gefressen. Nach Meinung des Fachmannes und seiner Kollegen konnte man nur versuchen, Schadensbegrenzung zu betreiben – das Resultat blieb offen. Wände einzureißen oder neue Leitungen verlegen, das würde in diesem Fall keinen Sinn machen. Auch wären keine wirklich effektiven Reparaturstoffe auf dem heutigen Markt zu finden, die diesen Schaden beheben könnten. Ja. So rückte der Umzug plötzlich sehr nahe – sie wusste es eigentlich schon immer. Alle wussten es immer schon immer. Wissen es immer, wollen es nur nicht wahr haben, verdrängen es. Doch nun wurde ihr, der Seele, wehmütig schmerzhaft bewusst, dass jeder Schritt, jeder Atemzug, jeder AugenBlick sie ihrem Auszug aus ihrer jetzigen Körperwohnung näher brachte


6. Die Geschichte des Monats Juni 2011
Monika Hoesch

Auf dem Hügel


Ich habe mich in den Schatten gesetzt und warte.

Ich warte, weil du gesagt hast, dass ich warten soll.

Die Sonne steht hoch am Himmel.
Meine Gedanken gehen auf Reisen.
Ich schließ’ meine Augen und denk’ an dich …
Ich höre dein Lachen; dieses herzhafte Lachen –
…wie sehr ich es liebe, dieses Lachen!

Ich höre deine Stimme; deine wunderbar sanfte Stimme,
ich könnte dir stundenlang zuhören.

Ich seh’ dich.

Da ist es wieder, dieses vertraute Lächeln in deinem Gesicht.
Lächelst mich an, als wäre alles in Ordnung.
Als wäre alles – so wie es immer war.

Durch das Geäst brechen einige Sonnenstrahlen und treffen auf meine Haut. Es ist heiß.
Die Sonne brennt in der Mittagshitze.
Schweißtropfen sammeln sich am Bund meiner Hose, meine Kniekehlen sind feucht.

Ein kleiner salziger Tropfen läuft über meine Schläfe.
Ich wische ihn gedankenverloren weg.

Sitze da - mit geschlossenen Augen und sehe dich lächeln,
so wie du immer gelächelt hast
… und warte.



Ich bin hungrig, mir wird ein wenig kühl. Sie ist längst schon untergegangen und eine
frische Brise streift meine Haut. Fühle, wie sich meine Brustwarzen erheben und in
meinen Erinnerungen verweilend schiebe ich meine Hand in meine Bluse und streichle
mich - und warte.

Ich warte, weil du mir gesagt hast, dass ich warten soll.

Wie sehr ich dich doch liebe …
und doch schon so lange weiß, dass du nicht kommen wirst.



Ein junger Mann kommt auf mich zu und lächelt. Erleichterung ist in seinem Gesicht zu
erkennen. Vertraut sieht er zu mir herüber mit einem Lächeln, das deinem so sehr ähnelt.

Ich blicke nach oben in diese wunderschöne, dichte Baumkrone. Das sattgrüne Laub
wiegt sich im Wind, es rauscht, es wispert, flüstert mir Erinnerungen herbei und ich sehe
dich, wie du mir sanft über die Wange streichelst und deine freundlichen Augen lächeln
mich an. Du hältst mich fest und deine zärtliche Geste liebkost meinen Nacken.

Tränen laufen mir über die Wangen. Gedankenverloren wische ich sie weg und warte.

Dieser Mann, was will er?
Wer ist er?
Ich kenne ihn nicht, weiß nicht was er hier macht, in dieser verlassenen Gegend.
Hier an dem starken, wispernden Baum – ‚unserem Baum’.
Dieses vertraute Fleckchen Erde schenkt mir so viel Geborgenheit.

„Wir haben uns Sorgen gemacht! Komm’ mit mir nach Hause!“

„Ich gehe nicht mit fremden Männern. Ich kenne Sie nicht!“

„Komm, es ist kühl. Du wirst dich erkälten. Ich bringe dich Heim!“

„Mir ist nicht kalt. Ich warte noch…!
Du bist groß geworden!“

„Ja, Mama.
Ich bin erwachsen.
Er wird nicht kommen, Mama! Er wird nicht kommen!

„Wer sind Sie?“

„Ich bringe dich Heim! Komm bitte, du wirst dich sonst erkälten…! Bitte, komm!
Ich liebe dich, Mama. Wir gehen Heim - dort werde ich mit dir warten“.

„Es ist schon kühl. Ich werde morgen Blumen zum Grab bringen!“

„Ja! Ich werde mit dir gehen.
Wir werden morgen Blumen auf Papas Grab stellen ...



Komm, lass uns Heim gehen … !“

7. Die Geschichte des Monats Juli 2011
Walter Dix

83-42


Als sie auftauchte hatte sie die Form einer vereisten Frucht . Wasser umspülte sie, Wellen der Gezeiten wiegten sich leicht auf und ab. Dass es insgesamt unsicher war lag nicht an ihr, sondern an anderen, welche die Welt mit anderen Augen sahen.
Maren Landsberg schlug ihr Tagebuch auf: 6. Juli 2003, Maria. Am Vorabend hatte sie das Datum oben auf die Seite geschrieben. So bereitete sie immer den nächsten Tag vor. An manchen Tagen schrieb sie nichts weiter und so folgten manchmal ein paar Zeilen mit Daten. Neben einigen standen Namen. Maria war der Namenstag ihrer Großmutter. Ihre Eltern hatten für sie ein ordentliches Heim gesucht und Maren war gerne bei ihr. Manches verstand sie nicht, was die Großmutter ihr erzählte. Sie war Salesianerin und ihre Art aktiv zu sein und beschaulich zu Leben hatte Maren immer gut gefallen und in gewisser Weise hatte sie dadurch ihren Beruf gefunden, hatte es sie hierher geführt. Sie war Meeresbiologin und interessierte sich für das Leben der Tiefenströme.
Der Rest der Seite war noch rein, weiß, unbeschrieben. Obwohl Sommer, so war es kalt, eigentlich war es hier immer kalt. Maren Landsberg stand fest und hielt ihr Buch. Setzte den Stift an, zögerte aber zu schreiben, hob die Hand und nur ein Punkt blieb auf der Seite zurück. Vielleicht war es der nasskalte Wind, der ihr Seewasser ins Gesicht trieb, vielleicht war es die Kälte, die ihre Augen tränen ließ. Eine fiel auf das Blatt genau auf den Punkt, das Papier begann feucht zu werden und der Punkt verlief etwas.
Eigentlich gab es sie schon seit Jahrtausenden, vielleicht seit Jahrmillionen. Nun erlangte das Meer einen weiteren Blick auf sich selbst, es brauchte Äonen Atemzüge von Ebbe und Flut, um Augen hervorzubringen, Augen von Fischen die sie von der Seite ansahen, Augen von Vögeln, die sie von oben betrachteten, Augen von Orkanen, die sie taufend unter Wasser senkten, Augen von Menschen, die Augen von Maren Landsberg, die seegrün schimmerten wie das Meer selbst, die Tränen hervorbrachten, welche dieselbe Zusammensetzung hatten. In ihrem tiefsten Inneren rauschte es und schien ihre Gedanken, Gefühle, ihr ganzes Wesen sanft zu umspülen.
Die zuständige Behörde trug nicht wie üblich ihren Namen - Landsberg - in das Register, sondern sie erhielt die Zahl 83-42. Lang wurde erklärt, dass es nicht sicher sei, dass sie überleben würde, sie wäre zu klein.
Für Maren Landsberg war dies nicht von Bedeutung, dieser Tag, dieser Ort war etwas, der ihrem Leben einen äußersten Punkt der Aufmerksamkeit und der Gerichtetheit verlieh. In der Abendsonne leuchteten ihre Augen goldgrün und sie dachte einen Augenblick, dass dieser verschwommene Punkt in ihrem Buch mehr Bedeutung hatte, mehr Geheimnisse in sich barg, als sie es sonst irgendwie hätte ausdrücken können.

8. Die Geschichte des Monats August 2011
Ronya

Lebensretter Dasy


Hausmeister Scheibenkleister und seine Katze Dasy liegen noch im Bett und schlafen. Sie haben die Zeit verpennt.
Rudi, so heißt der Hausmeister mit Vornamen, wollte eigentlich heute Morgen sich frische Croissant holen zum Frühstück. Aber das hat er leider verpennt.
Nämlich da muss man früh aufstehen um noch welche ab zu bekommen.
\"Son Mist aber auch. Ich hab verschlafen Dasy. Wollte doch die schönen Croissants heute Morgen essen. Werde mir mal schnell auf den Weg zum Bäcker machen. Vielleicht habe ich ja noch Glück, das ich noch welche bekomme, Dasy.\"
Zum Bäcker ist es nicht weit. War ja gleich im die Ecke. Mit einem lauten kreischen ging die Ladentür auf und es bimmelte die Kuhglocke die über der Tür hing
Er kam leider zu spät. Alle waren schon weg. Dann nahm er paar Käsebrötchen, die mag er auch sehr gern. Dann stiefelte er wieder nach Hause wo Dasy warte
Dasy und Rudi wohnen in Leckerliehausen.
Dort haben sie ein großes Wohnhaus. Das hält Dasy von Mäusen rein.
Denn sie ist die Mäusefängerin des Hauses
Dadurch genießt sie ein fürstliches da sein. Sie wird verwöhnt von allen die hier im Haus wohnen.
Jeder mag sie gern. Die Dasy.
Oma Schmidt auch. Denn sie mag Dasy ganz besonders, weil sie kein Mann mehr hat.
Der ist grad von ihr gegangen, nach einer schweren Krankheit. So ließ sich Dasy gern von ihr verwöhnen. Denn sie wusste, Oma Schmidt braucht ihre Liebe.
Die gibt sie ihr sehr gerne, weil da ja auch ein paar Leckerlis und süße Katzenmilch für sie herausspringen. Oma Schmidt hat immer diese schönen Stangen, die sie von ihrem Herrchen nicht bekommt.
Auf dem Hof steht eine Linde. Um sie herum hat Rudi eine Bank gebaut. Das genießen die Bewohner des Hauses in Leckerliehausen.
Aber am meisten sitzen da Dasy, Oma Schmidt und Franz drauf. Die Bank knarrt manchmal beim drauf setzen. Aber das stört keinen.
Heute hat sich Franz den Platz ausgesucht.
Dasy war oben auf den Baum. Ihr Aussichtspunkt . Von hier konnte sie alles gut beobachten. Da entging ihr nichts.
Franz denkt bei sich: \"Endlich, die alte Schmitten nicht hier auf meiner geliebten Bank. Die macht sich da immer breit wenn ich es mir auch grad gemütlich machen will. Ausgerechnet dann sitzt die schrullige Alte auch hier.\" er rieb sich mit der rechten Hand die linke Seite. Ihm tut der Arm und die linke Seite weh. Bis zur Brust zieht der Schmerz.
Da bemerkt er, das Dasy auf den Baum saß. Sie wollte grade runterkommen. Franz sieht Dasy immer so griesgrämig an.
\"Schon wieder dieses fette Mastvieh. Überall scheißt sie hin und dann noch die Katzenhaare. Die fliegen hier herum. Nach Katzenp ... stinkt es auch hier. Wünschte mir sie wäre weg. Dann wäre auch der Gestank weg. \"
Er ärgerte heute sich wieder ganz besonders, weil er wieder diese fürchterlichen Stiche in der linken Brust hat. War kaum auszuhalten. Da kam auch noch Dasy auf ihn zu. \"Das fehlt mir noch, dass dieses Mastvieh auch noch ankommt und an mir rumschmust. Das brauch ich echt nun nicht. \"Er machte sich auf und geht in seiner Wohnung. Aber erst wartete er bis Dasy dicht genug ran war an ihm um ihr einen Tritt zu verpassen. Das war eine Genugtuung für seine Schmerzen in der Brust die immer doller wurden. Oben in seiner 1 Raumwohnung macht er erst mal das Fenster auf weil ihm heiß ist und er kaum noch atmen kann .Er setzt sich vor den offenen Fenster und atmet tief durch. Dann geht er sich ein Kaffee kochen.
Denn er wollte nachher noch Fußball sehen. Es kommt nämlich ein interessantes Spiel:FC Eierkuchen gegen Vb Eierpflaume. Das darf er auf keinen Fall verpassen. Er ist nämlich Fan vom FC Eierkuchen. Franz machte sich Kaffeepulver in die Kanne und setzt den Wasserkocher mit Wasser auf .Er vergisst dabei den Stecker in die Steckdose zu stecken. Nun geht er wieder zum Fenster schaute hinaus und wartet das das Wasser kocht. Er dreht sich um. Aber es zischte und brodelte nicht .Das Wasser blieb stumm. Es tut sich gar nichts.
Franz dachte, sich die Brust reibend. \"Hätte doch schon längst kochen müssen das Wasser.\" Er sah nach, ob er Wasser in dem Kochtopf hat. Das war drin. Nun sah er dass er den Stecker nicht reingesteckt hat. Er steckt ihn rein und denkt bei sich, eh das Wasser kocht, stell ich schon mal den Sender an wo das Spiel kommt.
Er macht den Flimmerkasten an und stellt den Sender auf der Fernbedienung des Gerätes ein.
Die Spieler waren schon auf den Feld.
Franz merkte mit mal, wie ihm schlecht wurde und die Luft knapp wurde.
Er rang jämmerlich nach Luft und viel um. Die Fernbedienung hatte er noch in der Hand. Er viel genau drauf, wo der Lautstärkeknopf ist. Es wurde etwas lauter.
Franz stöhnte vor sich hin. Will Hilfe rufen. Aber es geht nicht.
Das Fenster war immer noch offen.
Dasy lag unten auf der Bank, lang ausgestreckt und döste vor sich hin. Denn Franz war ja weg .Sie aalte sich in der Sonne und dachte bei sich: Der Franz hat wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank. Erst gibt er mir nen Tritt und nun hat er noch den Fernseher so laut an. Katzenohren sind sehr empfindlich.
Aber dann . Plötzlich hob sie ihre Nase und drehte sich um. Irgendwas stimmte hier nicht. Sie witterte Gefahr. Das können Katzen sehr gut. Dasy sieht sich um und bemerkte so einem komischen beißenden Geruch. Es kommt von Franz seiner Wohnung her. Sie sieht, wie da Rauch aufsteigt. Nun denkt sie, auch wenn er mich immer tritt und mich nicht so mag, muss ich ihm doch helfen.
Dasy miaute ganz laut und kläglich, das es sogar Oma Schmidt hörte die grad ihren Mittagsschlaf hielt. Sie kam ans Fenster um zu sehen was los sei.
Dasy Herrchen kommt auch nach draußen .Er wollte auch Fußball sehen.
Da sieht er es. Aus Franz seiner Wohnung steigt Qualm raus.
Herr Scheibenkleister alarmierte die Feuerwehr und den Notarzt. Dann lief er in seine Wohnung, um den Zweitschlüssel zu holen. Mit dem Schlüssel lief er hoch zu Franz.
Mit ohrenbetäubendem Sirenengeheul kommen die Feuerwehr und der Notarzt. Denn es war ja eine kleine Stadt. Sie waren in 10 min da. Oben, in Franz seiner Wohnung wurde gleich erste Hilfe geleistet. Hausmeister Scheibenkleister hat Franz schon aus der Wohnung in den Flur getragen. Der Notarzt stellte fest, dass Franz einen Herzanfall hat.
Die Feuerwehr löschte den Brandherd. Es war ja nur der Wasserkocher, der Feuer gefangen hatte, weil das Wasser ausgekocht ist. Dadurch kam es zu dieser Rauchentwicklung.
Dasy war stolz auf sich und ihr Herrchen. Denn sie beide haben Franz das Leben gerettet.
Franz wurde mit ins Krankenhaus genommen. Dort wurde er gleich Notärztlich versorgt. Er kam nochmal gut davon. Franz brauchte nur paar Tage im Krankenhaus bleiben. Oma Schmidt hat ihn immer besucht. Erst wollte er es nicht. Aber dann fand er es immer schön, wenn sie zu ihm kam. Es wurde eine richtige Freundschaft draus.
Als Franz nach Hause kam. wurde er mit Tara empfangen und mit einer Torte mit einer Katze als Feuerwehrmann drauf.
Dasy als Lebensretter stand da drauf.
Dasy war auch mit von der Party. Sie schlich sich langsam und vorsichtig an Franz heran. Sie schmeichelte um ihn herum. Franz nahm sie auf den Arm und sagte zu ihr:\"Na du meine Lebensretterin?\" Und gab ihr einen Kuss.
Oma Schmidt hat ihm nämlich erzählt, das Dasy ihm das Leben gerettet hat.
Oma Schmidt und Franz sind nun unzertrennliche Freunde geworden und Dasy ist auch mit dabei. Franz liebte sie ganz so, wie seine eigene Katze.

9. Die Geschichte des Monats September 2011
Leonie Lucas

Wintertränen des Glücks


Wovon sie erwacht ist weiß Tabea nicht genau. Noch weigert sie sich die Augen aufzumachen, gibt sich ganz dem Klang von Sebastians Stimme hin, als er sie beim alten vertrauten Kosenamen ruft.
„Guten Morgen, Sonnenschein! Es schneit. Hier, schmeck mal“ Erschrocken öffnet sie nun doch die Augen, denn er benetzt ihre Lippen mit etwas Kaltem, das augenblicklich seine Konsistenz wechselt - es schmilzt: Schnee.
„Unsere Wintertränen des Glücks“, flüstert Tabea nur.
Sebastian nickt, dreht sich um und geht ins Bad. Die Tür lässt er auf wie er es immer tut an diesen Tagen. Er weiß, sie wird ihm nicht folgen. Kann es einfach nicht. Doch er will das Band nicht abreißen lassen zwischen ihnen. Darum singt, summt, oder pfeift er immer eines ihrer Lieblingslieder während das Wasser einläuft. Darum bleibt die Tür immer auf. Tabea lauscht: “Music was my first love” singt er heute und wie immer ändert er den Text: ..“but you* will be my last“
Sie hört wie er stockt und dann nur noch pfeift. Sie weiß, dass er sie noch liebt und sie weiß warum er dieses Lied nicht mehr singen kann. Ach, könnte sie ihn doch erlösen von seinem Schmerz.
An jenem Abend vor drei Jahren, als sie einen langen Spaziergang gemacht hatten, war er entstanden, ihr ganz persönlicher Ausdruck für Schnee. Wie zwei kleine Kinder hatten sie ihre Gesichter dem fallenden Weiß entgegen gehalten, gelacht, getanzt, sich geküsst und ihre erste Nacht miteinander verbracht. Hier in dieser Wohnung, wenn auch nicht in diesem Bett… Ja, damals hatten sie zum ersten Mal von „Wintertränen des Glücks“ gesprochen. Oh, und sie waren glücklich gewesen. So glücklich. Bis zu jenem Tag als alles anders wurde, weil sie sich gestritten hatten. Und immer noch gibt er sich alleine die Schuld. Das tut weh, unglaublich weh zu sehen wie er leidet. Immer noch.
Sebastian kommt aus dem Badezimmer zurück. „Ich liebe dich“, sagt Tabea und schaut ihm direkt in seine blauen Augen in denen sie auch heute noch so gerne ertrinkt. Anstatt etwas zu erwidern beugt er sich zu ihr hinunter. Seine weichen Hände streifen ihr das Nachthemd ab, wecken Erinnerung an einstmals zärtlich leidenschaftliche Augenblicke. Seine Küsse – erst auf die Stirn, und die Augen. Dann, etwas zögerlich auf den Mund, lassen die frühere Leidenschaft in ihr aufsteigen. Sie weiß ER ist es. Immer noch. Wird es immer sein. Der Eine. Der Einzige. Wie zaghaft seine Berührungen sind oder doch eher mechanisch? Ekelt es ihn vor diesen Tagen, an denen sie beide den ganzen Tag alleine sind, den Tage auf deren so tröstlich rituellen Ablauf sie sich immer freut: Jeden Samstag und Sonntag wäscht er sie, danach frühstücken sie gemeinsam. Er liest ihr vor, erzählt von seiner Arbeit. Im Sommer öffnet er die Balkontür weit, damit sie die Wärme fühlen, das Leben dort draußen riechen und hören kann. Oh und sie lachen auch viel. Sie hat es schon immer geliebt sein Lachen. Aber seit dem Tag an dem er angetrunken in den Graben gefahren war, dem Tag mit dem Unfall bei dem ihm nichts und ihr alles zugestoßen war, seit diesem Tag erreicht es nur noch selten seine Augen und – sie weiß es gewiss – schon gar nicht sein Herz.
„Sebastian, ich liebe dich“, sagt sie noch einmal, fast atemlos jetzt, fast stöhnend vor Sehnsucht nach ihm. „Ich weiß“ sagt er, sich von ihr abwendend, bevor er damit fort fährt sie mit bloßen Händen zu waschen, um seine Schuld abzubezahlen und gleichzeitig sich damit zu strafen, dass jede Berührung, auch in ihm Lust und Verlangen erweckt, nach etwas, das er ganz alleine zerstört hat. Nur seinetwegen ist sie vom Hals abwärts gelähmt. Nur seinetwegen kann sie nie mehr die leidenschaftliche Frau sein, die sie einmal war- Nur seinetwegen gibt es für sie nicht mehr an Intimität, als diese wenigen Augenblicke, diese Schatten ihrer einstigen körperlichen Liebe. Er schaut sie an, wie schön sie ist in diesen Momenten, mit ihrem entrücktem Gesicht, wie er es liebt und gleichzeitig hasst dieses leichte Beben. Seit fast einem Jahr nun vollziehen sie diese Wochenendrituale, die ihn dazu zwingen sich Erleichterung auf anderem Wege zu suchen. Erleichterung, die nichts mit dem befriedigenden Gefühl der Erfüllung zu hat, das er nach einem Liebesakt mit Tabea stets verspürt hatte. In letzter Zeit hatte sie immer öfter seine Hand mit ihren Lippen und auch mit ihren Zähnen liebkost, sobald sie die Gelegenheit dazu gehabt hatte. Einmal – ja vor drei Tagen erst, hatte er sich auf ihren Wunsch neben sie gelegt, und sie hatte ihm erzählt was sie gerne tun würde, um ihm zu zeigen, wie sehr sie ihn noch begehrte.
„Weißt du, Liebling, oft will etwas in mir platzen, will raus. Ähnlich wie Wasserdampf in einem Dampfkochtopf, weil mein Körper dich gerne wieder in sich hätte, oder zumindest, wünscht, dass ich dir Lust verschaffe!“
Sebastian, greift nach dem Handtuch und beginnt Tabea abzutrocknen. Beide sehen sie sich nur scheu an und schweigen, bis er ihr ein neues Nachthemd überziehen will.
„Nein, Basti, bitte nicht!“ Ihre Stimme zittert leicht. „Ich möchte mit dir schlafen. Jetzt. Möchte all die Dinge für dich tun, die ich dir neulich ins Ohr flüsterte.“ Sie schluckt. „Liebling, diese Schuld muss aufhören. ICH habe mich damals geweigert mich anzuschnallen sonst wäre vielleicht auch mir nichts weiter passiert als ein gebrochener Arm und eine leichte Kopfverletzung“
Sebastian sieht auf sie hinunter – hilflos. Er weiß er kann weggehen, sie einfach hier liegen lassen mit ihrer Liebe. Ihrer - Lust? Kann später wieder kommen, ihr etwas besonders Schönes kochen und das Thema totschweigen. Doch dann sieht er das Bitten, ja, das Flehen in ihren Augen:
„Lass mich dir doch endlich geben, was ich dir von dem, was du dir wünschst, geben kann! Basti, da draußen, siehst du, das sind sie unsere „Wintertränen des Glücks“. Hörst du nicht wie sie uns zurufen: „Lasst heut den ersten Tag vom Rest eures gemeinsamen neuen Liebesleben sein!“?“ Ihr Lächeln trifft ihn wie ein Stromschlag, ein köstlicher, kein „Nein“ duldender Stromschlag. Alles scheint ihm plötzlich so leicht!
„Was soll ich tun, Sonnenschein?“
„Als erstes reicht es wenn du mich küsst und dich dann ganz langsam ausziehst, und dann…“Ja,“ denkt Sebastian, als er sie so vor sich sieht, strahlend und erwartungsvoll.
„Sie ist mein Sonnenschein - immer noch!“
Erst am späten Vormittag hört es auf zu schneien. Ein weißer, weicher Teppich des Friedens dämmt allen störenden Lärm von draußen. So bleibt drinnen nur Lachen unter Tränen des Glücks.

10. Die Geschichte des Monats Oktober 2011
Walter Dix

Metatexit


...aus Kanten, Felsen und Kiefern
entsteht die Sprache und lebt...Helvi Juvonen

*
Die Eidechse am Ende des asphaltierten Weges wartete auf nichts. Die darunter liegenden geologischen Schichten waren ihm aus Fachbüchern bekannt, aber es war das erste Mal, dass er mit eigenen Füßen auf ihnen stand und er fühlte, dass die Gegend ihm freundlich gesonnen war.
Lange Zeit war er dem Strom aufwärts gefolgt und war am Morgen aus dem Tal heraufgestiegen. Bald erschien das Auto nur noch als kleiner Punkt. Der feuchte Waldboden und der steile Anstieg verlangsamten seine Schritte. Viele Jahre hatte er im Labor Stein um Stein analysiert, mikroskopisch untersucht, chemisch behandelt und die Härte bestimmt, bevor er sie im Keller des Instituts archivierte.

*
Er hob einen faustgroßen Stein auf, betrachtete seine schimmernde Struktur, seine Finger folgten den weißen Adern und tasteten über die feuchte, moosige Oberfläche, wo Wassertropfen glitzerten und die Bärtierchen wohnten. Er roch den erdigen Duft des Steins, eigentlich roch und sog er an zwei Welten, den von außen kommenden feuchtmoosigen Duft und die aus seinem Inneren kommenden Wörter ...unter Metatexit versteht man Gneis höheren Metamorphosegrades... duftdurchdrungen schwebten die Wörter vor ihm, der Duft verflüchtigte sich in der feuchten Waldluft, zurück blieben Wörter, neutral im Geruch, passend zu dem Satz, der aus einem geologischen Lehrbuch stammte. Aber es schien nicht nur die Nase zu sein, die sog, es war, als ob der Stein selbst an ihm zog und sog, an dem was sich in seinem Inneren befand, ähnlich Magneten, wenn sie sich nahe kommen. In dem dazwischen liegenden Kraftfeld schwebten Worte zart im Elmsfeuer: ...ich bin Teil und Abbild der Erde... Dieser Stein in seiner Hand war ein kleiner Kosmos für sich. Vorsichtig bettete er ihn in die Tasche seines Mantels und schritt weiter bergauf.

*
Nach einiger Zeit gab der Wald den Blick ins Tal frei. Tief unten lag das Kloster. Er stellte sich vor, wie die Mönche dort vor Jahrhunderten gelebten hatten, schweifte in Gedanken weiter in der Vergangenheit zurück, dachte an die monumentalsten, sakralen Bauwerke der Menschheit, die Pyramiden. Sie hatten die schlichte Form eines Kristalls und er stellte sich vor, wenn die Natur solche Pyramiden hervorgebracht hätte, diese bestimmt durchschimmernd gewesen wären und diese weithin in der Abendsonne funkeln und das Land in farbiges Licht tauchen würden. Die Menschen hatten mit diesen Bauwerken etwas hervorgebracht, was weit über sie hinausging, was sie selbst nicht ganz verstanden, die Pyramiden blieben rätselhaft, undurchsichtig.

*
Der Geschmack der Brombeeren ließ Kindheitserinnerungen hochsteigen. Während des Pflückens versuchte er sich an die anderen Sätze des Artikels über Metatexit zu erinnern. Metatexit entsteht durch Umwandlung unter erhöhtem Druck aus alten Sedimenten... war das nächste, woran er sich erinnern konnte. Dies schien ihm jetzt nicht nur auf das Gestein bezogen, sondern ihn selbst zu meinen. Er selbst schien geformt, durch äußere Einflüsse, denen er ausgeliefert war. Dann fiel ihm ein, dass er es gewesen war, der die Proben im Keller archiviert und diese so zu einer neuen Ordnung gefügt hatte. Diese neue Formation folgte nicht der Willkür, sondern war durch das Wissen der Geologen vorgegeben. Ein System, was klar und überschaubar war und in dem er sich heimisch fühlte. Er holte den Stein aus der Tasche und die brombeerfarbenen Fingerkuppen färbten den Stein an ein paar Stellen blaßrot.

*
Seine Frau liebte Steine, nicht nur als Schmuck auf der Haut, als Schmeichelstein in der Jackentasche, sondern sie lagen auch wie gewachsen an einigen Stellen der Wohnung. Er erinnerte sich daran, wie er jedes mal beim Fenster putzen die Pflanzen und Steine auf dem Boden absetzte und sie nachher wieder zurück stellte. Wenn er fertig war brachte sie ihm Kaffee und während er trank richtete sie die Steine aus. Ihm kam dies immer wie ein Ritual vor, wahrscheinlich war es das auch. Im Nachhinein merkte er, dass er selbst durch sein Verhalten Teil dieses Rituals geworden war, dessen Regel er nicht kannte und seine Frau vermutlich auch nicht. Das Haus in dem sie wohnten war aus Stein, aber die Steine auf der Fensterbank erschienen ihm jetzt lebendig. Im Nachhinein kam es ihm so vor, als ob durch das Öffnen und Putzen des Fensters, er für eine bessere Sicht in eine andere Welt zuständig gewesen war, ohne zu wissen in welche.

*
Ein paar Tage später zog er sein altes Lehrbuch hervor und las das Kapitel über Metatexit: Bei Bildung von Metatexit werden die hellen Bestandteile so weit geschmolzen, dass sie sich von den dunklen Teilen im Kleinbereich trennen konnten. Auf diese Weise entsteht ein Gestein, dass im lagenweisen Wechsel aus Quarz und Feldspat (=helle Lagen) und Biotit und Cordierit (=dunklen Lagen) aufgebaut ist. Diese Lagen sind gelegentlich gebogen oder sogar engräumig gefaltet und zeigen so eine geringfügige Gesteinsbewegung in zähplastischem Zustand an. Der Übergang vom Gneis zum Metatexit ist naturgemäß fließend, die Extremformen lassen sich allerdings leicht erkennen.
Dieses Kapitel hatte er früher schon gelesen. Aber nun fand er, dass es weniger um Steine ging, sondern eher um Menschen. Eine geologische Selbstbeschreibung der Umschmelzung seines Lebens. Meistens waren die Übergänge nicht mehr zu sehen, da sie fließend waren. Aber die Extremformen konnte er nun leicht erkennen.
Das Licht der Abendsonne mischte sich mit dem Licht der Schreibtischlampe. Der Stein lag auf seinem aufgeschlagenen Geologiebuch. Er hob ihn auf und folgte mit seinen Fingern wieder den hellen und dunklen Schichten, summte dabei leise vor sich hin: Feldspat, Biotit und Cordierit. Die Begriffe klangen stimmig wie ein Abzählreim und der Stein erfüllte ihn mit erdig-moosigem Duft.

11. Die Geschichte des Monats November 2011
Leonie Lucas

Sie hatte die Dunkelheit gefürchet


„Hier ist Krause. Ihre Dame braucht ab heute nicht mehr zu kommen zu meiner Frau. Die ist tot.“ Normaler Weise hasste Georg diese modernen Maschinen, die im ersten Moment klangen als wäre ein richtiger Mensch am anderen Ende der Leitung. Dabei war es nur eine menschliche Stimme, keine echte lebendige Frau, die im Büro des Pflegedienstes „Helfende Hände“ saß. Heute war er froh, denn er wollte weder ehrliches noch geheucheltes Beileid. Beides würde er noch früh genug ertragen müssen und er wollte auch nicht hören ob er sicher sei und ob er den Arzt schon gerufen hätte. Natürlich war er sicher und der Arzt? Er wollte nicht, dass sie sie jetzt gleich holten und wegbrachten, sie einsperrten in einen engen dunklen Sarg. Sie hatte die Dunkelheit gefürchtet weil sie als Kind so oft so lange alleine im Keller eingesperrt gewesen war. Er hatte ihren Vater gehasst dafür.

Nein, sie sollte noch bei ihm bleiben, er wollte sie schützen, schützen vor der ihr so schrecklichen Dunkelheit so lange es ging. Wirklich helfen konnte ihr jetzt doch niemand mehr. Nicht einmal er. Tot war tot. Er hatte so viele Tote gesehen im Krieg. Zu viele. Die meisten waren plötzlich aus einem jungen Leben gerissen worden und Mutti? Mutti hatte sich so gequält und er sollte dankbar sein, dass sie erlöst war. Georg setzte sich zu ihr auf die Bettkante und hielt ihre Hand, so wie er es all die Monate ihrer Krankheit sooft getan hatte und schaute ihr in die Augen. Ihre schönen blauen Augen, die ihr Alter immer Lügen gestraft hatten, denn sie waren immer die Augen des jungen Mädchens geblieben, in das er sich vor fast 70 Jahren verliebt hatte: Strahlend, oft voller Schalk und immer voller Liebe. Nun war die einst so weiche und zärtliche Hand steif und die Augen, sie waren leer. So leer. Dennoch vermochte er es nicht sie ihr zu schließen.

„Augen, Georg, Augen sind die Spiegel der Seele“ hatte sie immer gesagt. Ihre Seele war nicht mehr da, nicht in ihren Augen. Sie hatte ihren Körper verlassen, dennoch würde er sie schließen, würde er dann nicht auch das letzte Türchen zu ihr schließen. Wäre es dann nicht so, als schicke er sie in die endgültige ewige Dunkelheit? Es fiel ihm etwas ein, das er für sie als junger Mann geschrieben hatte. Er räusperte sich und rezitiertes ganz leise und, wie er hoffte, so zärtlich wie damals:

“Die Sonne strahlt vom Himmel, aber meine Augen die strahlen noch mehr. Denn da bist du, stehst vor mir, lachst mich an. Es ist Sommerwetter: warm und klar. Und regnete es, ich merkte es kaum. Denn: Meine Welt fängt an in deinen Augen endet in deinem Blick. Wo bin ich? Zu Hause...“ Dann saß er einfach weiter schweigend da und hielt ihre Hand, hielt ihre Hand. Er hatte das Gefühl, dass sie ihm mit jeder Minute fremder wurde, dass es wirklich mehr und mehr nur ihre - wie sagte man immer – ihre “Hülle“ war, hier bei ihm. Aber gleichzeitig war es doch immer noch auch die Frau, die er so geliebt hatte, die Frau, die die Dunkelheit so gefürchtet hatte und die er nicht bis in alle Ewigkeit davor bewahren konnte in dunkler kalter Erde begraben zu werden.

Plötzlich vernahm er ein zaghaftes „Herr Krause?“ hinter sich. Die Dame vom Pflegedienst. Nach dem ersten Schreck, er hatte ganz vergessen, dass sie einen Schlüssel hatte, war er erleichtert, dass sie doch gekommen war, denn sie stand da ohne Heuchelei in den Augen sondern mit echtem Mitgefühl.

“Herr Krause, ich habe Ihre Nachricht gehört und wollte aber gerne nach Ihnen beiden schauen. Ich hoffe das ist in Ordnung?“

Georg nickte stumm und beeilte sich auf zu stehen und zu ihr in die Diele zu kommen. Er wollte nicht, dass sie, so nett sie auch immer war, in Muttis Nähe kam. Noch nicht.

“Schön, dass Sie da sind. Dann koch ich uns mal wie immer erstmal einen schön starken Kaffee.“

Er versuchte ein zaghaftes Lächeln, tat so, als bemerke er Zögern nicht, und machte sich auf den Weg in die Küche, nicht ohne die Tür zum Schlafzimmer zu schließen.

„Ja, Herr Krause“, hörte er sie sagen, als er den Wasserkessel schon füllte. „Sie wissen ja, auf Ihren Kaffee freue ich mich sehr. Aber danach sollte wir dann Dr. Hohmann anrufen, damit er herkommt und nicht ein fremder Arzt, oder?“

Daran hatte Georg noch gar nicht gedacht. Nein, ein Fremder sollte sie nicht so sehen.

„Ja, “sagte er, „das machen wir.“ Plötzlich fiel ihm das Beerdigungsinstitut ein. Fremde die sie so sehen, sie sogar holen würden. Seine Gedanken überschlugen sich:

“Das Beerdigungsinstitut, meinen Sie die ändern noch etwas an der...“ es fiel ihm kein anderes Wort ein- „der Bestellung?“ „Ja ich denke schon, warum?“ „Ich möchte, dass sie es so hell wie möglich hat und darum soll der Stoff im…“ Er seufzte bevor er es aussprach, „im Sarg weiß sein. Und dann…“

Er ließ sich auf einen Stuhl fallen und kramte in der Küchentischschublade bis er gefunden hatte was er suchte. Nach kurzem Zögern hielt er der jungen Frau eine alte zerbeulte Taschenlampe entgegen und leuchtete ihr mit deren hellen Strahl ins freundliche Gesicht.

„Meinen Sie, sie darf die mitnehmen? Sie hat die Dunkelheit doch immer so gefürchtet.“

Auf ihr Nicken hin, war er beruhigt. Ja, nach einem stärkenden Kaffee mit würde er bereit sein, Dr. Hohmann und auch das Institut an zu rufen und seine Martha dahin gehen zu lassen, wo sie vom Licht der Lampe, seiner Lampe, vor der Finsternis beschützt, auf ihn warten würde.


12. Die Geschichte des Monats Dezember 2011
Marlen Schäfer

Unerwartete Reiseerlebnisse!


Während unseren Israel Urlaub, wollten wir fünf Tage Kairo besuchen.
Wir waren eine internationale Reisegruppe von neun Personen.
Da wir zu Fuß mit dem Gepäck über die Grenze von Israel nach Ägypten gehen mussten, uns keiner half weil wir kein Arabisch verstanden, sind wir in den falschen Bus unwissentlich eingestiegen.
Wir waren deswegen nicht im Sheraton Hotel in Kairo angekommen wo wir angemeldet waren, sondern irrtümlich im Hotel Amman wo keiner was mit uns anzufangen wusste.
An der Rezeption verursachte unser Erscheinen nur große Überraschung.
Nach langer teils erregter Diskussion gab man uns doch den Zimmerschlüssel, aber dass wir nicht willkommen waren war eindeutig.
Am nächsten Morgen stellte sich eine Ägypterin hochschwanger vor, immerhin sprach sie Englisch.
Stolz führte sie uns durch die Slums von Kairo was eigentlich sonst kein Tourist besuchen darf.
Nach fünf Tagen stand dieser schrecklich stinkende Bus wieder vor unserem Hotel um uns nach Elat zurück zu bringen.
Es ging den gleichen Weg zurück durch die Sinai-Wüste.
Auf einmal blieb der Bus stehen, der Motor setzte aus.
Die Ölpumpe war defekt.
Nach einer Stunde nervenaufreibender Wartezeit atmeten wir auf, der Fahrer hatte den Schaden repariert.
Nach etlichen Kilometern erneut ein Halt, wieder ein Defekt am Bus.
Der Fahrer lag unter dem ölverschmierten Bus, wir aber flüchteten in das heiße Businnere, weil ein wütender Sandsturm uns bald verschluckt hätte.
Einer aus unserer Gruppe sagte: ,,Hier werden wir wohl lebend begraben!“
Wir steigerten uns in einer stummen Hysterie. Wir alle dachten das gleiche. Wir werden verhungern, und was noch schlimmer ist verdursten, unsere Blicke sprachen Bände.
Nach endlos langem Warten sprang der Bus plötzlich wieder an.
Zu unserer grenzenlosen Erleichterung näherten wir uns der ägyptisch
Israelischen Grenzstation und sahen Israel in der Ferne.
Zum dritten Mal streikte der Bus.
Unsere Wasservorräte waren zuende.
Wir malten uns aus, zu Fuß die Strecke durch die Wüste laufen zu müssen.
Wir wussten nur eines, das würde keiner von uns mehr schaffen.
Doch, oh Wunder, der Bus hatte ein Einsehen mit uns,
wir kamen doch noch mit den Nerven am Ende in Israel an.
Ein Israeli half uns und verständigte die Reisegesellschaft.
Es ging nun rasch, und eine sichtlich erleichterte Reiseleiterin nahm uns in Empfang.
Wir waren für die Reisegesellschaft fünf Tage verschollen.
Sie berichtete dass uns ein Bus erwartet hätte, der Fahrer uns aber nicht gefunden hat.
Sie hatte im Sheraton Hotel in Kairo nachgefragt, wo wir angemeldet waren. Doch auch dort erhielt sie keine Bestätigung über die Ankunft einer Gruppe von neun Europäern.
Endlich war unser Horror Trip zu Ende.
Ich selbst war noch einen Monat nach dieser Reise arbeitsunfähig, stand nur noch unter Schock.
Das alles zu schreiben hat mir sehr geholfen.



bernd Online





Beiträge: 12.478


31.01.2012 18:31
#2 RE: Die Geschichte des Jahres 2011 Zitat · antworten

Die Wahl ist beendet!



Herzlichen Glückwunsch


Die Geschichte des Jahres ist von Walter Dix
und lautet:




Metatexit



...aus Kanten, Felsen und Kiefern
entsteht die Sprache und lebt...Helvi Juvonen

*
Die Eidechse am Ende des asphaltierten Weges wartete auf nichts. Die darunter liegenden geologischen Schichten waren ihm aus Fachbüchern bekannt, aber es war das erste Mal, dass er mit eigenen Füßen auf ihnen stand und er fühlte, dass die Gegend ihm freundlich gesonnen war.
Lange Zeit war er dem Strom aufwärts gefolgt und war am Morgen aus dem Tal heraufgestiegen. Bald erschien das Auto nur noch als kleiner Punkt. Der feuchte Waldboden und der steile Anstieg verlangsamten seine Schritte. Viele Jahre hatte er im Labor Stein um Stein analysiert, mikroskopisch untersucht, chemisch behandelt und die Härte bestimmt, bevor er sie im Keller des Instituts archivierte.

*
Er hob einen faustgroßen Stein auf, betrachtete seine schimmernde Struktur, seine Finger folgten den weißen Adern und tasteten über die feuchte, moosige Oberfläche, wo Wassertropfen glitzerten und die Bärtierchen wohnten. Er roch den erdigen Duft des Steins, eigentlich roch und sog er an zwei Welten, den von außen kommenden feuchtmoosigen Duft und die aus seinem Inneren kommenden Wörter ...unter Metatexit versteht man Gneis höheren Metamorphosegrades... duftdurchdrungen schwebten die Wörter vor ihm, der Duft verflüchtigte sich in der feuchten Waldluft, zurück blieben Wörter, neutral im Geruch, passend zu dem Satz, der aus einem geologischen Lehrbuch stammte. Aber es schien nicht nur die Nase zu sein, die sog, es war, als ob der Stein selbst an ihm zog und sog, an dem was sich in seinem Inneren befand, ähnlich Magneten, wenn sie sich nahe kommen. In dem dazwischen liegenden Kraftfeld schwebten Worte zart im Elmsfeuer: ...ich bin Teil und Abbild der Erde... Dieser Stein in seiner Hand war ein kleiner Kosmos für sich. Vorsichtig bettete er ihn in die Tasche seines Mantels und schritt weiter bergauf.

*
Nach einiger Zeit gab der Wald den Blick ins Tal frei. Tief unten lag das Kloster. Er stellte sich vor, wie die Mönche dort vor Jahrhunderten gelebten hatten, schweifte in Gedanken weiter in der Vergangenheit zurück, dachte an die monumentalsten, sakralen Bauwerke der Menschheit, die Pyramiden. Sie hatten die schlichte Form eines Kristalls und er stellte sich vor, wenn die Natur solche Pyramiden hervorgebracht hätte, diese bestimmt durchschimmernd gewesen wären und diese weithin in der Abendsonne funkeln und das Land in farbiges Licht tauchen würden. Die Menschen hatten mit diesen Bauwerken etwas hervorgebracht, was weit über sie hinausging, was sie selbst nicht ganz verstanden, die Pyramiden blieben rätselhaft, undurchsichtig.

*
Der Geschmack der Brombeeren ließ Kindheitserinnerungen hochsteigen. Während des Pflückens versuchte er sich an die anderen Sätze des Artikels über Metatexit zu erinnern. Metatexit entsteht durch Umwandlung unter erhöhtem Druck aus alten Sedimenten... war das nächste, woran er sich erinnern konnte. Dies schien ihm jetzt nicht nur auf das Gestein bezogen, sondern ihn selbst zu meinen. Er selbst schien geformt, durch äußere Einflüsse, denen er ausgeliefert war. Dann fiel ihm ein, dass er es gewesen war, der die Proben im Keller archiviert und diese so zu einer neuen Ordnung gefügt hatte. Diese neue Formation folgte nicht der Willkür, sondern war durch das Wissen der Geologen vorgegeben. Ein System, was klar und überschaubar war und in dem er sich heimisch fühlte. Er holte den Stein aus der Tasche und die brombeerfarbenen Fingerkuppen färbten den Stein an ein paar Stellen blaßrot.

*
Seine Frau liebte Steine, nicht nur als Schmuck auf der Haut, als Schmeichelstein in der Jackentasche, sondern sie lagen auch wie gewachsen an einigen Stellen der Wohnung. Er erinnerte sich daran, wie er jedes mal beim Fenster putzen die Pflanzen und Steine auf dem Boden absetzte und sie nachher wieder zurück stellte. Wenn er fertig war brachte sie ihm Kaffee und während er trank richtete sie die Steine aus. Ihm kam dies immer wie ein Ritual vor, wahrscheinlich war es das auch. Im Nachhinein merkte er, dass er selbst durch sein Verhalten Teil dieses Rituals geworden war, dessen Regel er nicht kannte und seine Frau vermutlich auch nicht. Das Haus in dem sie wohnten war aus Stein, aber die Steine auf der Fensterbank erschienen ihm jetzt lebendig. Im Nachhinein kam es ihm so vor, als ob durch das Öffnen und Putzen des Fensters, er für eine bessere Sicht in eine andere Welt zuständig gewesen war, ohne zu wissen in welche.

*
Ein paar Tage später zog er sein altes Lehrbuch hervor und las das Kapitel über Metatexit: Bei Bildung von Metatexit werden die hellen Bestandteile so weit geschmolzen, dass sie sich von den dunklen Teilen im Kleinbereich trennen konnten. Auf diese Weise entsteht ein Gestein, dass im lagenweisen Wechsel aus Quarz und Feldspat (=helle Lagen) und Biotit und Cordierit (=dunklen Lagen) aufgebaut ist. Diese Lagen sind gelegentlich gebogen oder sogar engräumig gefaltet und zeigen so eine geringfügige Gesteinsbewegung in zähplastischem Zustand an. Der Übergang vom Gneis zum Metatexit ist naturgemäß fließend, die Extremformen lassen sich allerdings leicht erkennen.
Dieses Kapitel hatte er früher schon gelesen. Aber nun fand er, dass es weniger um Steine ging, sondern eher um Menschen. Eine geologische Selbstbeschreibung der Umschmelzung seines Lebens. Meistens waren die Übergänge nicht mehr zu sehen, da sie fließend waren. Aber die Extremformen konnte er nun leicht erkennen.
Das Licht der Abendsonne mischte sich mit dem Licht der Schreibtischlampe. Der Stein lag auf seinem aufgeschlagenen Geologiebuch. Er hob ihn auf und folgte mit seinen Fingern wieder den hellen und dunklen Schichten, summte dabei leise vor sich hin: Feldspat, Biotit und Cordierit. Die Begriffe klangen stimmig wie ein Abzählreim und der Stein erfüllte ihn mit erdig-moosigem Duft.



Gabriella Offline

Webmaster/Administrator




Beiträge: 7.107


01.02.2012 00:19
#3 RE: Die Geschichte des Jahres 2011 Zitat · antworten

Lieber Walter,

ich gratuliere Dir ganz herzlich zur Geschichte des Jahres 2011


lichst





Loni

01.02.2012 07:54
#4 RE: Die Geschichte des Jahres 2011 Zitat · antworten

Meinen herzlichsten Glückwunsch zum verdienten Sieg!!
lG
Loni



holi Offline

Treue Seele

Beiträge: 1.014


01.02.2012 11:54
#5 RE: Die Geschichte des Jahres 2011 Zitat · antworten

Auch von mir Glückwünsche zur Geschichte des Jahres:



Liebe Grüsse
Holi



Eleonore Offline

Treue Seele

Beiträge: 2.611


01.02.2012 13:57
#6 RE: Die Geschichte des Jahres 2011 Zitat · antworten


Auch dir gilt mein allerherzlichster Glückwunsch, lieber Walter

Die Geschichte des Jahres hast du geschrieben, das freut mich sehr für dich




http://e-goerges.repage2.de

Was wir wissen, ist ein Tropfen,
was wir nicht wissen - ein Ozean.
(Sir Isaac Newton)

Jürgen Offline

Co-Administrator


Beiträge: 1.040


01.02.2012 15:31
#7 RE: Die Geschichte des Jahres 2011 Zitat · antworten

Hallo, Walter, lieber Freund,
auch von mir die herzlichsten Glückwünsche zu Deiner Geschichte des Jahres. Toll gemacht und weiter so !!!

Liebe Grüße aus Wissentrup

Jürgen



Hifify Offline

Treue Seele

Beiträge: 5.298


02.02.2012 14:15
#8 RE: Die Geschichte des Jahres 2011 Zitat · antworten

Ganz lichen Glückwunsch zur Geschichte des Jahres,lieber Walter.

Und das mit Recht-ich mag Deinen Schreibstil sowieso sehr gerne.




Für den Optimisten ist das Leben kein Problem, sondern bereits die Lösung.
( Marcel Pagnol )

http://www.repage3.de/member/lizzytewordt





Edeltrud Offline

Treue Seele

Beiträge: 2.464


02.02.2012 15:06
#9 RE: Die Geschichte des Jahres 2011 Zitat · antworten



lieber Walter, zur Geschichte des Jahres, welche mir sehr gut gefallen hat




http://lyrischepoesie.repage1.de


~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~


Poesie ist ein Atemzug, der alle Tränen trocknet.
Poesie ist der Geist, der in der Seele wohnt,
der vom Herzen genährt wird
und dessen Wein die Zuneigung ist.


*Khalil Gibran*

Walter Offline

Hausfreund/in

Beiträge: 322


02.02.2012 18:33
#10 RE: Die Geschichte des Jahres 2011 Zitat · antworten

Hallo und vielen Dank für die Glückwünsche.
Habe mich sehr darüber gefreut.

Bis vor einigen Monaten hatte ich noch keine eigenen Texte zu Papier gebracht.
Diese Erfahrung ist eine Bereicherung für mein Leben.
Zustandegekommen wäre sie wahrscheinlich ohne euch nicht.
Also auch nochmal einen besonderen Dank an Bernd für sein Engagement in Sachen Lyrik.

Viele herzliche Grüße sendet

Walter



 Sprung  

Foreninhaber und Administrator Bernd Rosarius/Technische Belange, Webmaster, Moderation Gabriella Dietrich

Forum online seit 09.06.2006




Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen