Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 

Banner by Helmuth Winkelhahn

Kalenderblatt der Woche Kalenderblatt von Mitgliedern unseres Forums



Wichtige Mitteilungen/Ankündigungen/Veranstaltungen






Weisheiten/Sprüche von unseren Mitgliedern



Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 0 Antworten
und wurde 123 mal aufgerufen
 
bernd Offline





Beiträge: 12.478


04.08.2011 10:32
83-42 Zitat · antworten

Als sie auftauchte hatte sie die Form einer vereisten Frucht . Wasser umspülte sie, Wellen der Gezeiten wiegten sich leicht auf und ab. Dass es insgesamt unsicher war lag nicht an ihr, sondern an anderen, welche die Welt mit anderen Augen sahen.
Maren Landsberg schlug ihr Tagebuch auf: 6. Juli 2003, Maria. Am Vorabend hatte sie das Datum oben auf die Seite geschrieben. So bereitete sie immer den nächsten Tag vor. An manchen Tagen schrieb sie nichts weiter und so folgten manchmal ein paar Zeilen mit Daten. Neben einigen standen Namen. Maria war der Namenstag ihrer Großmutter. Ihre Eltern hatten für sie ein ordentliches Heim gesucht und Maren war gerne bei ihr. Manches verstand sie nicht, was die Großmutter ihr erzählte. Sie war Salesianerin und ihre Art aktiv zu sein und beschaulich zu Leben hatte Maren immer gut gefallen und in gewisser Weise hatte sie dadurch ihren Beruf gefunden, hatte es sie hierher geführt. Sie war Meeresbiologin und interessierte sich für das Leben der Tiefenströme.
Der Rest der Seite war noch rein, weiß, unbeschrieben. Obwohl Sommer, so war es kalt, eigentlich war es hier immer kalt. Maren Landsberg stand fest und hielt ihr Buch. Setzte den Stift an, zögerte aber zu schreiben, hob die Hand und nur ein Punkt blieb auf der Seite zurück. Vielleicht war es der nasskalte Wind, der ihr Seewasser ins Gesicht trieb, vielleicht war es die Kälte, die ihre Augen tränen ließ. Eine fiel auf das Blatt genau auf den Punkt, das Papier begann feucht zu werden und der Punkt verlief etwas.
Eigentlich gab es sie schon seit Jahrtausenden, vielleicht seit Jahrmillionen. Nun erlangte das Meer einen weiteren Blick auf sich selbst, es brauchte Äonen Atemzüge von Ebbe und Flut, um Augen hervorzubringen, Augen von Fischen die sie von der Seite ansahen, Augen von Vögeln, die sie von oben betrachteten, Augen von Orkanen, die sie taufend unter Wasser senkten, Augen von Menschen, die Augen von Maren Landsberg, die seegrün schimmerten wie das Meer selbst, die Tränen hervorbrachten, welche dieselbe Zusammensetzung hatten. In ihrem tiefsten Inneren rauschte es und schien ihre Gedanken, Gefühle, ihr ganzes Wesen sanft zu umspülen.
Die zuständige Behörde trug nicht wie üblich ihren Namen - Landsberg - in das Register, sondern sie erhielt die Zahl 83-42. Lang wurde erklärt, dass es nicht sicher sei, dass sie überleben würde, sie wäre zu klein.
Für Maren Landsberg war dies nicht von Bedeutung, dieser Tag, dieser Ort war etwas, der ihrem Leben einen äußersten Punkt der Aufmerksamkeit und der Gerichtetheit verlieh. In der Abendsonne leuchteten ihre Augen goldgrün und sie dachte einen Augenblick, dass dieser verschwommene Punkt in ihrem Buch mehr Bedeutung hatte, mehr Geheimnisse in sich barg, als sie es sonst irgendwie hätte ausdrücken können.


(© Walter Dix Juli 2011)



 Sprung  

Foreninhaber und Administrator Bernd Rosarius/Technische Belange, Webmaster, Moderation Gabriella Dietrich

Forum online seit 09.06.2006




Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen